Merkmale der Romantik

Kritik an der Klassik

Das Leitmotiv des Marmorbildes fungiert nicht nur als eine Allegorie der teuflischen Verblendung, sondern symbolisiert darüber hinaus auch Eichendorffs Kritik an der Klassik. In der deutschen Literatur umfasst diese Epoche die Zeit zwischen 1786 und 1832. Beispielhaft für die Klassik ist der humanistische und ästhetische Harmoniegedanke, den die Künstler im Vorbild der griechischen und römischen Antike suchten. In ganz Europa wurde ein regelrechter Antikenkult gepflegt. Der Kunstschriftsteller und Archäologe Johann Joachim Winckelmann lobte die „edle Einfalt“ und die „stille Größe“ der antiken Kunstwerke. Damit beschrieb er die Ästhetik der Klarheit und Einfachheit, die für Statuen aus der griechisch-römischen Antike charakteristisch war. 

In der Italienverehrung der Klassik findet sich explizit auch das Motiv des Marmorbildes wieder, so z.B. in Mignons Lied aus Goethes »Wilhelm Meisters Lehrjahre« (1795) mit dem Titel »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn«. Dort heißt es: „Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach, / Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach, / Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: / Was hat man dir, du armes Kind, getan? / Kennst du es wohl? / Dahin! Dahin / Möchte ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.“

Eichendorff verband mit dem antiken Weltgefühl die Verherrlichung der sinnlichen Gelüste. Die Rückwärtsgewandheit der Klassiker zu diesem Zeitalter verglich er mit der verhängnisvollen Anbetung toten Marmors. Diese Einstellung manifestiert sich vielfach im Motiv der marmornen Venusstatue. Auch Florio verliebt sich in ein lebloses Idealbild. Darüber hinaus stürzt die heidnisch-antike Venus den Helden beinahe in ein sittliches Verderben. Als gewissermaßen ‚versunkenes Kulturgut‘, das der Sage nach in jedem Frühjahr an die Oberfläche drängt, gehört sie zu jenen „wilden Erdengeister[n], die aus der Tiefe nach uns langen“ (S. 47). 

Eichendorffs heftige Abwendung von der Klassik ging mit der gleichzeitigen Hinwendung zur Romantik einher. Auslösend und ausschlaggebend dafür war die Lektüre des »Heinrich von Ofterdingen« (1802) von Novalis. Das Werk war als Gegenmodell zu Goethes »Wilhelm Meister« verfasst worden. Es verherrlichte die christliche Botschaft der Poesie und enthielt geistliche Lieder von großer Innigkeit und Tiefe. 

Eichendorff teilte Novalis‘ Bild der wahren, romantischen Dichtung, die sich durch Frömmigkeit und Demut, Liebe zur Heimat und das Ergriffensein von den Kräften des Herzens auszeichnet. Alles in allem drücken sich in der negativen Charakterisierung des Marmorbildes der Untergang der antiken Götter und der Aufstieg der christlichen Religion aus (vgl. Kapitel „Interpretation“, Abschnitt „Christentum und Heidentum“).

Sehnsucht nach vergangenen Zeiten

Angesichts der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche um sie herum fühlten sich die Romantiker mit ihrem Leben überfordert. Sie sehnten sich nach den vergangenen Zeiten zurück, in denen die Welt laut ihren Vorstellungen noch in Ordnung war. Besonders beliebt waren die Epochen des Mittelalters und der Renaissance. Die rückwärtsgewandte Geschichtsphilosophie der Romantiker war jedoch von einer starken Idealisierung der Vergangenheit geprägt und hatte mit der historischen Realität wenig zu tun. 

Auch »Das Marmorbild« lässt sich in der Welt des späten Mittelalters ansiedeln. Allem voran liegt dem Stoff eine mittelalterliche Sage zugrunde (vgl. Abschnitt „Quellen“). Darüber hinaus mutet der Schauplatz wie eine deutsche Stadt im Mittelalter an, wenn...

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