Quellen und Reminiszenzen

Happel

Joseph von Eichendorff bezog sich in seinem »Marmorbild« auf zahlreiche andere Werke. Aufgrund der Fülle an Quellen kann hier nur ein grober Überblick vermittelt werden. Eichendorff selbst nennt im Übrigen nur einen einzigen Bezugstext. In einem Brief an seinen Freund Friedrich de la Motte Fouqué gibt er an, auf E.G. Happels spätbarocke Sammlung »Größeste Denkwürdigkeiten der Welt oder Relationes Curiosae« aus dem Jahr 1687 zurückgegriffen zu haben. 

Genauer gesagt, bezog Eichendorff sich auf eine in Happels Werk enthaltene Gespenstergeschichte mit dem Titel »Die seltzahme Lucenser Gespenst«. Sie erzählt von den Abenteuern des jungen Alessandro, der als Italienreisender nach Lucca gelangt. Der Lucaner Donati bringt ihn zu einer vornehmen Dame, die ihn verführen will und später angreifen lässt. Allessandro kommt mit dem Schrecken davon und erkennt, dass er in den Bann einer ‚teuflischen Jungfrau‘ geriet. Unterdessen erweist sich auch der Palast der verhängnisvollen Dame als Ruine. 

Die Parallelen zu Eichendorffs Novelle liegen auf der Hand. Selbst der Name des Protagonisten ist in den Vorentwürfen zum »Marmorbild« noch identisch, bevor er dann in ‚Florio‘ umgeändert wurde. Auch den Namen Donati übernahm Eichendorff ebenso wie den Schauplatz der Geschichte. Nicht zuletzt sind die beiden literaturhistorisch sehr alten Motive der Venusverführung und der Statuenbelebung als wesentliche Teils des Handlungsrahmens wiederzufinden. 

Der Pygmalion-Mythos

Das Motiv der Statuenbelebung lässt sich bis in die Antike hinein zurückverfolgen und taucht erstmals in der Pygmalionsage auf. Dieser populäre Mythos ist Teil der »Metamorphosen«, einer bedeutenden Geschichtensammlung des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. – 17/18 n. Chr.).

Im Mittelpunkt der Handlung steht der von den Frauen enttäuschte Bildhauer Pygmalion. Ganz zufällig erschafft er eines Tages eine makellose Elfenbeinstatue, die von einer lebendigen Frau kaum zu unterscheiden ist. Nach und nach verliebt sich der Künstler in die von ihm selbst kreierte Steinfigur und behandelt sie fortan wie eine Geliebte. Da die Schöne jedoch unerreichbar bleibt, wendet er sich verzweifelt an die Liebesgöttin Venus, welche die Statue auf sein Bitten hin zum Leben erweckt. Pygmalion kann seine wundersame Schöpfung nun endlich zur Frau nehmen. Aus der Verbindung gehen sogar zwei Töchter hervor. 

Im Kern schildert die Sage, wie die Frau vom Manne nach dessen eigenen Wünschen und Vorstellungen erschaffen wird. In diesem Bild vereinen sich männliche Schöpfungsfantasien mit einem idealisierten Weiblichkeitsbild. Das Motiv der Statuenbelebung ist seit Ovid in vielen Varianten aufgegriffen worden, z.B. bei Rousseau, Hoffmann, Goethe und Shaw. Im 18. Jahrhundert erhielt die Statue des Pygmal...

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