Distanz und Intimität

Leo und Emmi

Zwischen Leo und Emmi entwickelt sich aus einem kurzen und anfangs zufälligen E-Mail-Wechsel ein intensiver und mit der Zeit auch immer persönlicher werdender Kontakt. Schon bald sprechen sie sich mit Vornamen an (S. 15), behalten jedoch das förmliche „Sie“ bis fast zum Ende ihrer Korrespondenz bei (S. 219).

Obwohl die Protagonisten schnell ein großes Interesse aneinander entwickeln, sind sie zu Beginn sehr vorsichtig und bemüht, keine persönlichen Dinge von sich preiszugeben. Das ändert sich jedoch langsam und schließlich macht Leo den Anfang: Er berichtet Emmi von seiner gescheiterten Beziehung zu Marlene: „Wissen Sie was, liebe Emmi, ich breche mit unseren Gepflogenheiten und erzähle Ihnen heute etwas aus meinen Leben. Sie hieß Marlene“ (S. 21).

Auch Emmi fasst Vertrauen zu Leo und verrät ihm, dass sie verheiratet ist (S. 25) und ihr Mann zwei Kinder mit in die Ehe gebracht hat (S. 33). Bald teilen sich beide auch gegenseitig ihre Urlaubspläne mit und melden sich dann ab, wenn sie eine Weile nicht erreichbar sind (S. 39, 40). Gleichzeitig werden die Themen, über die sie schreiben, immer intimer. Unvermittelt fragt Emmi Leo eines Abends: „Tragen Sie einen Pyjama?“ (S. 41), worauf Leo antwortet: „Schlafen Sie vielleicht nackt?“ (ebd.), und Emmi: „Das kommt darauf an, neben wem“ (ebd.).

Vertrautheit und Privatsphäre

Gleichzeitig versucht besonders Leo immer wieder, Distanz zu wahren. Er weiß, dass Emmi vergeben ist, und möchte vermeiden, dass zu viel Nähe entsteht. Kurzfristig sagt er ein persönliches Treffen mit Emmi nach der Beerdigung seiner Mutter ab, um den Abend mit seiner Exfreundin Marlene zu verbringen (S. 73/74). Als Emmi wissen möchte, ob Leo mit Marlene wieder eine intime Beziehung führt (S. 75), weist Leo sie zurecht:

„Aber Emmi, Sie dürfen nicht mein Gewissen werden wollen! (...) Es muss Ihnen egal sein, wann ich mit wem wie oft und auf welche Art Sex habe. Ich frage Sie ja auch nicht danach, wie das mit Ihnen und Ihrem Bernhard im Bett so funktioniert. (...) Wir dürfen nicht beginnen, in die Privatsphäre des anderen einzudringen. Das kann zu nichts führen“ (S. 77).

Genau das ist jedoch längst passiert. Aus zwei unbekannten Personen sind im Laufe der Korrespondenz enge Vertraute geworden. Emmi bringt es auf den Punkt: „Was wir hier tun, worüber wir hier reden, ist Privatsphäre, Privatsphäre und nichts als Privatsphäre, von den ersten E-Mails an in steter Steigerung bis heute“ (S. 80). Schließlich vertraut auch sie Leo nähere Einzelheiten zu ihrer Ehe mit Bernhard und ihren beiden Stiefkindern an (S. 85/86).

Dabei wird deutlich, dass sie und Bernhard eine eher distanzierte Form der Beziehung praktizieren. Sie leben und schlafen in abgetrennten Bereichen, wobei Emmi betont: „Jeder hat zwar sein Reich, aber jeder von beiden ist herzlich eingeladen, das Reich des anderen zu betreten, (...)“ (S. 85). Zu Recht fragt sich Leo, warum Emmi den Kontakt zu ihm sucht, obwohl sie verheiratet ist: „Sie sind vergeben, Sie haben Familie, Sie haben Aufgaben, Herausforderungen, Verantwortlichkeiten“ (S. 192).

Zum einen leidet Emmi darunter, da...

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