Corpus Delicti: Ein moderner Roman

Fragmentarischer Aufbau

Juli Zehs Roman Corpus Delicti (2009) zählt zur Kategorie des modernen Romans, denn das Werk vereint viele typische Einzelaspekte der Literatur der Moderne in sich. Zunächst einmal ist der Roman nicht einheitlich geschrieben, sondern enthält neben dem Prosatext verschiedene Fragmente, deren Stil sich von der vorherrschenden Erzählweise unterscheidet.

Corpus Delicti beginnt mit einem Vorwort, welches aus einem Sachtext besteht. Dabei handelt es sich um einen Auszug aus dem Vorwort eines fiktiven Romans des Journalisten Heinrich Kramer, der zum Bestseller wurde (25. Auflage) (S. 7/8). Heinrich Kramer, einer der Protagonisten des Romans Corpus Delicti, beschreibt hier die große Bedeutung der vollkommenen Gesundheit, die „das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik“ (S. 7) darstellt. Mit diesem Bericht liefert die Autorin Juli Zeh dem Leser bereits einen Hinweis auf die Werte und Lebensbedingungen der Romanfiguren.

Ein weiteres, in den Prosatext montiertes Element bildet das Gerichtsurteil über Mia Holl, das zwischen Vorwort und erstem Kapitel positioniert ist (S. 9/10). Es ist sachlich und nüchtern geschrieben und beinhaltet eine Vielzahl von Personennamen. Mit dem Urteil wird das (vermeintliche) Ende des Romans vorweggenommen. Gleichzeitig fungiert es als erste Einführung in das Thema der Geschichte.

Ein weiteres Textfragment ist in der Mitte des Romans angesiedelt: Es besteht aus einem Kommentar des Journalisten Heinrich Kramer, der sich zu einem Zeitungsartikel über die Bedrohung der Methode durch die Widerstandsgruppe R.A.K. äußert (S. 138ff.).

Während der Hauptverhandlung zu Mias Regelverstößen deckt ihr Anwalt Lutz Rosentreter auf, dass die Methode fehlbar ist. Der Verteidiger weist nach, dass Moritz Holl nicht unbedingt der Mörder von Sibylle Meiler sein muss, obwohl man Genspuren von Moritz am Opfer gefunden hat. Moritz hatte als Kind wegen seiner Leukämieerkrankung eine Stammzellentransplantation erhalten. Da Spender und Empfänger nun die gleiche Blutgruppe besitzen, kann auch der Spender Walter Hannemann Sybilles Mörder gewesen sein (S. 153ff.).

Mia Holl erkennt, dass die Methode fehlerhaft ist und ihr Bruder fälschlicherweise beschuldigt wurde: „Das System ist menschlich, (…) natürlich weist es Lücken auf“ (S. 166). Sie wendet sich von der Methode ab und veröffentlicht das Pamphlet (die Streitschrift) „Wie die Frage lautet“ (S. 186f.). Der Text steht in der Mitte des Romans und hebt sich vom übrigen Text ab. Er ist von Mia selbst in der Ich-Form verfasst worden und enthält ihre persönliche Abkehr von der herrschenden Regierung.

Als Besonderheit und auch typisch für die moderne Erzählweise erscheint das Einfügen einer nicht realen Figur in den Handlungsablauf. Moritz Holl hat sich in Ermangelung einer Partnerin Die ideale Geliebte ausgedacht (S. 44). Die Figur ist auch nach dem Tod von Moritz fester Bestandteil der handelnden Personen und dient Mia als fantastische Gesprächspartnerin (S. 25ff.).

Corpus Delicti als klassisches Drama

Der Roman Corpus Delicti baut auf einem Theaterstück auf, welches die Autorin Juli Zeh zwei Jahre zuvor geschrieben hatte, und enthält Elemente des klassischen Dramas (siehe Kapitel Analyse). Auf den dramatischen Inhalt verweist auch der Untertitel „Ein Prozess“. Somit entspricht der Aufbau dem des modernen Romans, denn es existiert keine strikte Trennung zwischen den unterschiedlichen literarischen Gattungen. Ähnlich wie das Drama der Antike enthält auch der Roman Corpus Delicti eine Exposition: Das erste Kapitel beginnt mit der Vorstellung aller Charaktere und der Einführung des Konflikts (S. 11ff.).

Anschließend entwickelt sich die steigende Handlung mit Höhepunkt und Peripetie, als der Anwalt L...

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