Gesellschaftskritik

Anpassung und Opportunismus nach dem Mauerfall

Die stillen Beobachter

Der Mauerfall und die Wendezeit spielen bezüglich ihrer politischen Bedeutung im Roman nur eine untergeordnete Rolle. In politischer Hinsicht erwähnt der Guldenberger Sägewerksbesitzer Sigurd Kitzerow zunächst die sogenannten Montagsdemonstrationen, die dem Fall der Mauer vorausgingen. In deren Zusammenhang demonstrierten seit Herbst 1989 in vielen Großstädten der DDR die Menschen auf friedliche Weise gegen das SED-Regime und forderten den demokratischen Dialog mit der Regierung: „Dann kam es für mich überraschend zu den Ereignissen in Berlin und Leipzig, die Parteileute und die Polizei verkrochen sich, die Leute rannten auf die Straße und gebärdeten sich, als ob gebratene Ferkel durch die Luft flögen.“ (S. 369).

Kitzerow erzählt, dass die friedliche Revolution sich auch in Guldenberg bemerkbar machte, und erinnert an die „sogenannten Bürgerforen, bei denen ein paar aufgeregte Lehrer, einige Mitglieder des Gemeindekirchenrates und ein paar jugendliche Schreihälse lautstark das Wort führten.“ (S. 269). Der Sägewerksbesitzer selbst nimmt nicht an den politischen Demonstrationen teil, denn er und auch seine Geschäftspartner im Kegelklub beurteilen die Proteste mit ironischer Zurückhaltung und gehen zunächst auf Distanz zu den Vorkommnissen: „Wir hatten zu viel kommen und gehen sehen, als dass wir vor Entzücken gleich den Verstand verlieren, wenn ein paar Schreimätze, die noch grün hinter den Ohren sind und keinerlei Erfahrung mit politischen Versprechungen und der dann folgenden Realität haben, wilde Reden von sich geben. Wir alle (…) blieben ruhige Beobachter.“ (S. 369).

Der finanzielle Aufstieg des Sigurd Kitzerow

Nachdem im November 1989 die Grenzen nach Westberlin geöffnet worden sind, zeigt sich Kitzerow opportunistisch und setzt sich mit den Kollegen des Kegelklubs zu Beratungen zusammen: Gemeinsam wollen die Selbstständigen herausfinden, wie sie die Wende zu ihrem persönlichen Vorteil nutzen können. Zunächst beschließen sie, ihrem Kollegen und Druckereibesitzer Wessenburg zum Amt des neuen Bürgermeisters zu verhelfen: „Wir würden ihn aufstellen und ihn wie ein Mann unterstützen und waren sicher, dass wir ihn durchbekommen würden.“ (S. 369f.).

Aufgrund eines Hinweises von Schmöckel, „dass das von den Russen und den Kommunisten enteignete Eigentum über kurz oder lang zurückgegeben werde“, sucht Sigurd in den Ordnern seines verstorbenen Vaters nach entsprechenden Unterlagen (S. 370). Drei Monate später bekommt er die zuvor beschlagnahmten Kiesgruben der Familie mit Baugeräten zurück, außerdem zwei Bürgerhäuser, einen Wald und einen Teich (ebd.).

Im April 1990 kommt Sigurds Onkel Gustav aus Reutlingen zu Besuch und hilft seinem Neffen bei der Finanzierung neuer Projekte (S. 371f.). Auf seinen Rat hin und mithilfe einer Bürgschaft des Onkels besorgt Sigurd sich einen hohen Kredit bei der Bank und gründet eine eigene Straßenbaufirma (S. 373).

Dabei verlässt er sich ganz auf die Empfehlung Gustavs, den Wirtschaftsboom der Wiedervereinigung auszunutzen: „…aber eine solche Situation, wir ihr sie momentan habt, die darfst du nicht ungenutzt vergehen lassen. In zehn Jahren ist alles festgezurrt, dann geht alles geruhsam voran, dann ist die Goldgräberzeit passé. Jetzt ist Pionierzeit, jetzt musst du die Pflöcke setzen.“ (S. ...

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