Christine Nöstlinger

Kindheit und Krieg

Die österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin Christine Nöstlinger wird am 13. Oktober 1936 in Wien-Hernals geboren. Ihr Vater, Walter Göth, ist Uhrmacher und ihre Mutter, Michaela Draxler, ist Kindergärtnerin. Sie wächst in einfachen Verhältnissen mit ihren Eltern, Großeltern und ihrer fünf Jahre älteren Halbschwester auf. Ihr arbeitsloser Vater wird 1940 als Soldat an die Ostfront nach Polen geschickt. Als Kind zeichnet das Mädchen gerne Bilder und erfindet Geschichten.

„Für das Volksschulkind Christine ist der Krieg Alltagsrealität: Sie kennt den Terror des Naziregimes, die Angst vor Bomben, das bange Warten im Schutzkeller, das Ausgebombtsein. Sie beschreibt es beeindruckend in ihrem Roman Maikäfer Flieg (1973), der 2016 verfilmt wurde: die Rückkehr des schwer verletzten Vaters aus dem Krieg 1944, der desertierte und sich vor den Nazis versteckt halten musste, der Einmarsch der russischen Truppen in Wien, und das lang erwartete Ende des Zweiten Weltkriegs.“[1] Die Mängel hinsichtlich der Nahrungsmittel und der Kleidung in der Nachkriegszeit hinterlassen auch deutliche Spuren in dem Gedächtnis des Kindes.

Christine Nöstlingers Haltung ist in starkem Maße vom ihrer sozialistischen und antifaschistischen Familie und dem Arbeitermilieu der Wiener Vorstadt geprägt. Ihre Mutter weigert sich zum Beispiel, im Kindergarten die nationalsozialistische Pädagogik zu unterstützen. Nach einem Disziplinarverfahren und mehreren Gestapo-Verhören wird sie 1943 in Frühpension geschickt. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter gestaltet sich schwierig, hingegen ist ihre Beziehung zum Vater liebevoll.

Christines erste Jahre im Gymnasium bedeuten eine Konfrontation mit den sozialen Unterschieden: „Und Hochdeutsch konnte ich schon gar nicht, aber im Gymnasium musste man ‚schön‘ reden. Also meldete ich mich auch nicht, wenn ich etwas wusste, weil ich jeden gedachten Satz erst in die Fremdsprache ‚Schön‘ übersetzen musste. Mein erstes Zeugnis war völlig mies ...“[2]  Sie fühlt sich wohl erst ab der Oberstufe (1951).

Studium und Heirat 

Nach der Matura am Hernalser Gymnasium 1954 studiert Christine Nöstlinger Gebrauchsgrafik an der Wiener Akademie für Angewandte Kunst. Sie möchte Malerin werden, findet aber heraus, dass sie leider für das Zeichen nicht genug Talent hat. Sie bricht ihr Studium ab, als sie 1957 schwanger wird, und heiratet im gleichen Jahr. Leider stirbt ihr Baby kurz nach der Geburt. Sie nimmt dann einen Bürojob bei einem Wiener Zeitungsverlag an. 1959, kurz nach der Geburt ihrer Tochter, scheitert ihre erste Ehe mit Peter. 

Ein neues Leben beginnt für sie 1961: Sie heiratet den Journalisten Ernst Nöstlinger und erhält mit ihm im gleichen Jahr eine zweite Tochter. Als Hausfrau langweilt sie sich jedoch in den nächsten Jahren zunehmend. Sie beginnt, kleine Beiträge für Tageszeitungen sowie Magazine zu verfassen. 

Die erfolgreiche und produktive Autorin

1970 erscheint ihr Kinderbuch Die feuerrote Friederike, das ein Volltreffer wird und den Durchbruch der Schriftstellerin begründet. Von diesem Zeitpunkt an publiziert die produktive und erfolgreiche Wienerin zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, aber auch Dialektgedichte und Kochbücher. Sie schreibt Kolumnen und Glossen für die österreichischen Tageszeitungen "Kurier" und "Täglich Alles" sowie auch für die Wochenzeitung "Die ganze Woche". 

Die unermüdliche Schriftstellerin verfasst Drehbücher und ist als Fernseh- und Rundfunkmoderatorin tätig. Sie illustriert selbst eine ganze Reihe ihrer Bücher. Ihrer Arbeitseinsatz schildert die Autorin so: "Ich hab' sehr viel gearbeitet. Ich war sicher ein Workaholic, arbeitete bis zu 80 Stunden pro Woche, aber ich hab‘ das gern getan. Überfordert hat mich manchmal die tägliche Arbeit für Zeitungen. Jeden Tag so um 11.30 Uhr einen Artikel mit soundso vielen Anschlägen abliefern zu müssen, das hat mich dann ziemlich überfordert."[3]

Im Laufe der folgenden vier Jahrzehnte verfasst die berühmte Wienerin mehr als 150 Werke. Einige davon sind in über 30 Sprachen übersetzt und mehrere davon preisgekrönt worden. Die Schriftstellerin wird nicht nur vielfach in Deutschland, sondern auch international ausgezeichnet. Sie erhält schon 1984 den renommierten Hans-Christian-Andersen-Preis, der als Nobelpreis der Kinder- und Jugendliteratur gilt, und wird 2003 mit dem wichtigen Astrid-Lindgren-Preis ausgezeichnet. Auch vielen ihrer Bücher folgen Verfilmungen und Adaptierungen für das Theater.

Das umfassende Werk

Christine Nöstlinger greift in ihren Büchern Autoritäts- und Emanzipationsfragen auf. Die Helden und Heldinnen ihrer Geschichten sind meistens Außen­seiter­figuren mit ihren alltäglichen Sorgen und Abenteuern, die sich gegen Unter­drückung und Un­ge­rechtig­keit be­haupten müssen. Ihre Erzählungen thematisieren verzwickte Familiensituationen, Eheprobleme und Scheidung, Schulprobleme, pubertäre Sinnkrisen oder Einsamkeit. In Maikäfer flieg (1973) und Zwei Wochen im Mai (1981) verarbeitet die Autorin ihre eigenen Kindheitserinnerungen der Kriegs- und Nach­kriegs­zeit. Im Mittel­punkt der beiden Er­zählungen stehen Per­sonen und Orte, die sie in besonderer Weise ge­prägt haben.

Christine Nöstlinger schreibt auch für Er­wach­sene. In ihren drei Gedichtbänden Iba de gaunz oaman Kinda (1974), Iba de gaunz oaman Fraun (1982) und Iba de gaunz oaman Mauna (1987) übt sie Sozialkritik und schildert die sozialen Missstände. Ihr am Anfang kritisierter Einsatz des Wiener Dialekts in ihren Geschichten wird mit der Zeit eines ihrer wichtigen Stilmerkmale.

Christine Nöstlingers Ehemann, der Journa­list Ernst Nöstlinger, erleidet 2007 einen schweren Gehirninfarkt und ist in der Folge halbseitig gelähmt. Er verliert sein Sprachvermögen und stirbt 2009. Die Autorin hat selbst auch mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Die langjährige Raucherin litt auch an einer chronischen Lungenerkrankung. Sie erleidet zwei Krebserkrankungen, zuerst den Brustkrebs 2010, dann im Jahre 2012 den Gebärmutterkrebs. Ihr letztes Buch Glück ist was für Augenblicke (2013) schildert ihre ErinnerungenSie stirbt am 28. Juni 2018 in Wien im Alter von 81 Jahren.

Ausgewählte Werke

Wir pfeifen auf den Gurkenkönig (1972)

Maikäfer flieg! (1973)

Ilse Janda, 14 (1974)

Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse (1975)

Zwei Wochen im Mai (1981)

Gretchen Sackmeier (1981)

Das Austauschkind (1982) 

Hugo, das Kind in den besten Jahren (1983)

Mein Tagebuch (1989).


 


[1] Internetquelle für die ganze Biografie, Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik, christine-noestlinger.at 

[2] Aus Glück ist was für Augenblicke, Erinnerungen, Christine Nöstlinger, 2013

[3] Internetquelle: Gerald Vukits Webseite, vukits.com,, Interview mit Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger