Rezension

„Faserland“ ist der Debütroman des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht. Der dandyhafte namenlose Icherzähler erzählt seine Geschichte in einem langen Monolog. Er reist vom nördlichsten Punkt Deutschlands (Sylt) bis in den Süden (Bodensee) und von da aus in die Schweiz (Zürich). Er sucht dabei die verschiedensten Orte auf und lernt die verschiedensten Menschen kennen, vor allem solche, mit denen ihn die Vergangenheit verbindet, und auch solche, zu denen er allerdings keine tiefere Beziehung pflegt. Er kommentiert kritisch ihren Modestil und ihr Verhalten und berichtet laufend und präzise von seinen vielseitigen persönlichen Eindrücken.

Bei den jeweiligen Treffen erweist sich, dass der wohlhabende Ich-Erzähler und auch seine reichen Bekanntschaften große psychische Probleme haben. Sie gehören einer Generation junger Leute aus gutem Hause an, die sich in einer unübersichtlichen Welt ohne feste Bezugspunkte zurechtfinden müssen. Sie sind durch eine übermäßige Fixierung auf Markenartikel gekennzeichnet, die als identitätsstiftende Instanzen funktionieren, aber letztendlich keine emotionale Stabilität oder gar Selbsterfüllung und -bestätigung vermitteln.

Am drastischsten manifestiert sich diese Lebensleere bei den Freunden des Erzählers, bei Nigel und Rollo. Nigel flüchtet sich in harte Drogen und Rollo in Alkohol und Tabletten, woran Rollo schlussendlich auch stirbt. Der Ich-Erzähler trinkt am laufenden Band Alkohol, raucht konstant und konsumiert widerwillig Drogen. Ihm wird überall übel. Er findet seine Heimat nirgendwo und ist unfähig, tiefe Kontakte zu anderen Menschen zu knüpfen. Er flieht von der einen Station zu der nächsten, bis er schließlich in der Schweiz landet. Hier scheint er am Ziel seiner inneren Reise angekommen zu sein. „Faserland“ endet in Stille und in Einsamkeit mitten auf einem See. Es wird zwar impliziert, dass der Erzähler Selbstmord begehen könnte, was aber tatsächlich passiert, bleibt offen.

Der Roman erscheint 1995 und wird zunächst von der Kritik verhalten aufgenommen. Allerdings ändert sich im Laufe der Jahre die Rezeption und mittlerweile wird der Bestseller nicht nur als der Ausgangspunkt der Popliteratur, sondern auch als eines der bekanntesten Werke der 1990er Jahre wahrgenommen. 

Der junge Autor Christian Kracht, der früher als Journalist beim Zeitgeist-Magazin Tempo tätig war, kennt genauestens das Milieu, das er schildert. „Faserland“ ist ein großartiger Jugendroman, der einfühlsam und lebensnah sich heranwachsenden jungen Leuten widmet. Die Sehnsucht nach Halt, nach Identität, nach „Ankommen“ ist ein generelles Thema, das gerade heute in unserer globalen Konsum- und Wohlfahrtsgesellschaft viele junge Menschen beschäftigt. Es ist ein empfehlenswertes Buch für alle jungen und junggebliebenen Menschen!