Identitätssuche: Der Erzähler

Die personale und die soziale Identität

Zwei Menschen, auch zwei Zwillinge, sind sich nie vollkommen gleich. Die Identität verkörpert die Einzigartigkeit eines Menschen. Nach Mead ist der Mensch primär gesellschaftlich geprägt und seine Identität umfasst zwei Dimensionen: Die personale Identität und die soziale Identität. Die personale Identität ist das Empfinden der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit der eigenen Person. Die soziale Dimension ist das Empfinden der Akzeptanz und Anerkennung durch die anderen, durch die soziale Umwelt (Me).

Die eigene Identität (Self) entwickelt sich in dem Spannungsverhältnis zwischen personaler Identität und sozialer Identität und durch die Balance zwischen diesen beiden Dimensionen. Die Identitätsbildung ist ein aktiver und dynamischer Prozess. Die Identität wird durch die Handlungen der Person ständig beeinflusst und verändert.

Unverwechselbar zu sein

Das Verhalten des Erzählers definiert sich in erster Linie durch Unsicherheit: Er hat Schwierigkeiten, seine personale Identität zu bekräftigen. Der Ich-Erzähler verfügt über ein großes finanzielles Polster, aber dennoch scheinen ihm seine Grundbedürfnisse nicht sonderlich wichtig zu sein: Der Hunger wird mit Nikotin oder Alkohol verdrängt, er nächtigt an wenig sicheren Orten, wie in einer Zugtoilette oder einer Badewanne, und scheint nirgendwo Ruhe und Erholung zu finden. Seine sexuelle Identität wird durch den ganzen Roman infrage gestellt. Bis zum Ende des Romans ist es für den Leser schwierig, sie eindeutig zu definieren (siehe Abschnitt: Sexualität).

In seinem Versuch, sich selbst zu unterscheiden (persönliche Identität/I), benutzt der Ich-Erzähler vor allem Produktmarken, die für Qualität und gesellschaftlichen Status stehen. Insbesondere bildet seine Barbourjacke einen wichtigen Teil seiner persönlichen Linie (siehe Analyse: Barbourjacke / Markenwaren).  Er kann die guten von den schlechten Produkten unterscheiden und verachtet diejenigen Menschen, die nicht den gleichen Geschmack wie er haben.

Dank der Marken kann er sich selbst ab- und andere ausgrenzen und sich selbst als einzigartig und einmalig in seiner utopischen oberflächlichen Scheinwelt definieren. Er ist unverwechselbar und sein Verhalten zeigt dies deutlich. Im Flugzeug drückt er zum Beispiel den Serviceknopf und als die Stewardess erscheint, bestellt er einen Kaffee und einen Bourbon, obwohl es erst acht Uhr morgens ist (S. 54), oder er zündet sich eine Zigarette an, obwohl er im Nichtraucherbereich sitzt, und so macht er das immer (S. 54).

Suche nach Anerkennung und Gemeinschaft

Bei seinen Freunden sucht der Protagonist Akzeptanz und Gemeinschaft. Er findet zum Beispiel, dass er auf Sylt mit ihnen glücklich ist: „Ich bekomme ein dämliches Grinsen, weil ich so glücklich bin, und Anne merkt das und fängt auch an zu grinsen, und jetzt grinst auch Karin und sogar Sergio muß lächeln“ (S. 20). Er bemerkt anderswo im Text, dass Nigel und er die gleichen Frisuren haben: „Jedenfalls laufen wir zusammen die Treppe hoch, und ich sehe auf Nigels Nacken, der immer sauber ausrasiert ist, wie mein Nacken auch. Wir haben beide sowieso ziemlich ähnliche Frisuren, vorne lang und hinten ziemlich kurz“ (S. 31).

Der Ich-Erzähler sucht Anerkennung bei seinen Freunden. Er fühlt sich tief verletzt, als Alexander im Café Eckstein in Frankfurt ihn nicht erkennt: „Er sieht mich nicht. Er sieht mich überhaupt nicht, das mu[ss] man sich mal vorstellen. Er geht einfach an mir vorbei, obwohl ich direkt an der Bar auf dem blöden Barhocker sitze und ihn anstarre“ (S. 80). Er stiehlt Alexanders Barbourjacke und verlässt das Café. Hier ist ein Konflikt zwischen dem impulsiven Ich und dem reflektierenden Ich (siehe Schema) zu erkennen.

Diese Problematik ist oft im Roman festzustellen. Als der Ich-Erzähler zum Beispiel nach Frankfurt fliegt (Kapitel 3), stört er zuerst die anderen Passagiere unter anderem dadurch, dass er raucht. Er braucht jemanden (Über-Ich), der ihm mitteilt, wie er sich zu benehmen hat. Er zeigt seine Angepasstheit an die gesellschaftlichen Normen und ist höflich gegenüber den Stewardessen:

“ Ich zünde mir noch eine Zigarette an, obwohl das Nichtraucherzeichen schon seit einiger Zeit leuchtet, und jetzt kommt wirklich jemand, um mir zu sagen, ich soll die Zigarette ausmachen. Es ist aber nur die Stewardeß, und es ist ja ihr Job, mir das zu sagen, dafür kann sie ja nichts, deswegen stecke ich sofort meine Zigarette in das kleine Metallbehältnis in meiner Armlehne und entschuldige mich und lächle die Stewardeß an“ (S.63).

Die Erwartungen der anderen

Der Protagonist versucht, den Erwartungen anderer Personen zu entsprechen. Er trinkt zum Beispiel sein Bier aus, obwohl ihm die Marke (Jever) eigentlich gar nicht schmeckt (S. 15). Diese gesellschaftliche Einstellung zeigte er auch bereits, als er noch jünger war und damals bei den Eltern seiner Freundin Sarah eingeladen war: „Ich war sechzehn und furchtbar aufgeregt, wollte natürlich einen guten Eindruck machen und so weiter.[...] Ich sage natürlich erst nein, vielen Dank, dann bitten sie mich aber nochmal, also sage ich...

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