Merkmale des epischen Theaters im Werk

Ziele und Mittel des epischen Theaters

1926 hat Brecht damit begonnen, den Begriff des »Epischen Theaters« im Kontext seiner eigenen Stücke zu verwenden. Erwin Piscator hatte die Mittel dieser Kunstform indes zwei Jahre zuvor im Zuge seiner experimentellen Inszenierungen entwickelt. Diese waren zwar nicht von ihm selbst, jedoch von Alfred Döblin als „episch“ bezeichnet worden. Später stritten Brecht und Piscator darum, wer den Begriff des »Epischen Theaters« geprägt habe, und einigten sich auf die gleichzeitige Anwendung.

Zentrales Merkmal des »Epischen Theaters« ist die Verbindung aus dramatischen und erzählerischen Elementen. Das von Aristoteles geprägte und zu Brechts Zeiten nach wie vor vorherrschende Prinzip der Nachahmung (Mimesis) wird mit dieser modernen Kunstform infrage gestellt. Auch die in der antiken Tragödie geforderte Identifikation m…

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Offene Form

Im Gegensatz zur geschlossenen Form des klassischen Dramas, welche durch die Einheit von Ort, Zeit und Handlung gekennzeichnet ist, verwendet Brecht in »Mutter Courage und ihre Kinder« eine offene Dramenstruktur.

Die Handlung, die den Weg der fahrenden Händlerin Mutter Courage begleitet, legt mit insgesamt 12 Jahren nicht nur eine weitaus größere Zeitspanne zurück als im klassischen Drama. Es finden auch zahlreiche Zeit- und Ortssprünge statt. Die Geschichte beginnt im Frühjahr 1624 im schwedischen Darlane. Die folgenden beiden Jahre verbringt die Hauptfigur in Polen, bevor sie zwischen 1629 und 1631 Mähren, Bayern, Italien und wieder Bayern durchquert. Es folgen Stationen in Magdeburg (1631), Ingolstadt (1632) und im Fichtelgebirge (1634). Das Stück endet schließlich im Jahr 1636 in der Nähe von Halle.

Zwar sind die Szenen in chronologischer Reihenfolge angeordnet, ohne Rückblicke oder Nebenhandlungen. Jedoch ist kein direkter Übergang zwischen den Szenen zu verzeichnen, sondern stets zeitliche Unterbrechungen, die bis zu drei Jahre umfassen. Zur Überbrückung dieser Zeitsprünge dienen die kurzen Inhaltsbeschreibungen zu Beginn jeder Szene. Einige von ihnen beschreiben die Ereignisse dazwischen: „Schon sechzehn Jahre dauert nun der große Glaubenskrieg. Über die Hälfte seiner Bewohner hat Deutschland eingebüßt. …

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Figuren

Typisierung

Im Gegensatz zum klassischen Drama, das in der Regel über ein überschaubares Figurentableau verfügt, kommt in »Mutter Courage« eine große Zahl an Charakteren zusammen. Diese bilden, ganz im epischen Sinne, keine Anordnung von Individuen, die über unverwechselbare Eigenschaften verfügen. Auf den ersten Blick wird dies an den fehlenden Namen der Figuren deutlich, wie beispielsweise beim Feldprediger, Obristen oder Feldhauptmann. Betrachtet man das Personenregister des Stückes, so lassen sich weitere anonyme Bezeichnungen finden: „Der Zeugmeister […] – Der mit der Binde […] – Ein Schreiber […] – Ein älterer Soldat – Ein Bauer“ (S. 6) und viele weitere mehr.

Brecht hebt nicht die spezifischen Eigenschaften des Ein…

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Komposition und Bühnendarstellung

Songs

Ein wesentlicher Teil von Brechts Epischem Theater sind die eingeschobenen Lieder. Mit ihrer lyrischen Form bilden sie verfremdende Einschnitte in die Handlung. Sie wirken dabei wie künstliche Unterbrechungen, nicht zuletzt deshalb, weil die Schauspieler unvermittelt und ohne szenischen Übergang aus dem Geschehen heraustreten und eine neue Funktion als Sänger übernehmen.

Anders als in der klassischen Oper werden in den Songs nicht die Gefühle der Figuren offenbart. Vielmehr werden ihre Handlungen aus einer quasi-distanzierten Perspektive heraus kommentiert und vertieft. So bringt beispielsweise das Lied der Courage in der siebten Szene ihre Haltung zum Krieg auf den Punkt (vgl. S.75/76). Ebenso verhelfen die Lieder dazu, die Perspektive auf das Geschehen zu erweitern (»Lied von der Bleibe«) oder Nebengeschichten zu erzählen (»Lied vom Fraternisieren« - »Das Lied vom Weib und dem Soldaten«).

Der Theaterbesucher soll sich vol…

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