Szenenanalyse

Szene 1

Das Treffen zwischen der Courage und den Soldaten

Das erste Bild des Stückes steigt mitten ins Geschehen ein und hat dennoch einen einleitenden Charakter, da sowohl die Hauptpersonen vorgestellt als auch die Grundthematik des Dreißigjährigen Krieges verdeutlicht werden. Die Szene spielt im Frühjahr 1624, acht Jahre nach Kriegsbeginn. Die fahrende Händlerin Mutter Courage zieht mit ihren Kindern Kattrin, Eilif und Schweizerkas durch die schwedische Provinz Darlane. Dort begegnen sie einem Feldwebel und einem Werber, die Rekruten für den Kriegsdienst anwerben wollen.

Die aktuelle Kriegssituation wird zunächst im Dialog der beiden Soldaten deutlich. Der Werber beschwert sich über die Feigheit der jungen Männer und die Schwierigkeit, geeignete Söldner zu finden. Zudem lässt er sich über die Menschen ringsumher aus, die „voll Bosheit“ und nicht vertrauenswürdig seien. Der Feldwebel pflichtet ihm bei und erklärt die Situation damit, dass in Darlane, einer Provinz in Schweden, zu lange Frieden geherrscht habe. Nur im Krieg herrschten Ordnung und Moral. Seine Aussagen verkehren die Werte ins Gegenteil, sie klingen zynisch und paradox: „Ohne Ordnung kein Krieg! […] Wie alles Gute ist auch der Krieg am Anfang halt schwer zu machen.“ (S. 8).

Auch Mutter Courage vertritt eine fragwürdige Auffas…

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Szene 3

Die Diskussion um den Krieg

Das dritte Bild macht im Umfang etwa ein Viertel des gesamten Dramas aus. Schauplatz ist das Feldlager eines finnischen Regiments. Die Handlung beginnt an einem Nachmittag im Jahr 1629, im Laufe der Szene ist dann ein Zeitsprung von drei Tagen zu verzeichnen.

Zu Beginn schildert Brecht den Kriegsalltag: Mutter Courage hängt Wäsche auf und feilscht mit dem Zeugmeister um einen Sack Munition. Schweizerkas ist unterdessen Zahlmeister geworden und verwaltet die Kasse des Regiments. Zu der Gruppe gesellt sich die Soldatenhure Yvette Pottier hinzu. Sie singt das »Lied vom Fraternisieren«, in welchem sie ihren Weg in die Prostitution schildert. Mutter Courage will ihre Tochter vor dem schlechten Einfluss Yvettes schützen. 

Kurz darauf stoßen auch der Feldprediger und der Regimentskoch Pieter Lamb dazu. Die Männer diskutieren mit der Courage über den Krieg. Brecht macht die bigotte Haltung des Geistlichen deutlich, der die Auseinandersetzungen als Glaubenskrieg rechtfertigt. Der Koch hingegen durchschaut die Machenschaften der Kriegsführer und kritisiert spöttisch den schwedischen König.

Mutter Courage stimmt Lamb zu, indem sie die Geschäftsinteressen des Krieges entlarvt: „Wenn man die Großkopfigen reden hört, führens die Krieg nur aus Gottesfurcht und für alles, was gut und schön ist. Aber wenn man genauer hinsieht, sinds nicht so blöd, sondern führn die Krieg für Gewinn. Und anders würden die kleinen Leut wie ich auch nicht mitmachen“ (S. 36).

Brecht nimmt in der Diskussion zwischen Feldprediger, Koch und Courage die Gegenüberstellung der „Großkopfigen“ und der „kleinen Leute“, zu denen die Genannten gehören, vor. Darüber hinaus entlarvt der Autor die Rechtfertigungsstrategien und Doppelmoral der Charaktere. Letztere kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass die Figuren ihren Glauben verleugnen. Als die feindlichen Katholiken anrücken, versteckt der evangelische Feldprediger sein geistliches Gewand und Mutter Courage kauft sich eine katholische Flagge.

Schweizerkas´ Festnahme und Mutter Courages Verhandlung

Nach einem Zeitsprung von drei Tagen baut Brecht einen neuen Spannungsbogen auf. Mutter Courage und die anderen befinden sich nun…

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Szene 6

Der Tod des Feldhauptmanns

Das sechste Bild wird von einem historischen Ereignis begleitet. Im Jahr 1632 fällt der kaiserliche Feldhauptmann Tilly bei Ingolstadt. Die Szene beginnt mit einer sogenannten Teichoskopie oder Mauerschau: Die auf der Bühne nicht darstellbaren historischen Ereignisse finden gewissermaßen im Hintergrund statt und werden durch die Figuren wiedergegeben. Diese sehen mehr als die Zuschauer.

Während die Courage im Dialog mit einem Schreiber die Todesumstände des Feldhauptmanns schildert, berichtet der Feldprediger von der gleichzeitig stattfindenden Beerdigung: „Jetzt defilierens vor der hohen Leich“ (S. 65). Die Marketenderin nimmt das Ereignis zum Anlass, die Kriegsführer im Allgemeinen zu bedauern: „Mir tut so ein Feldhauptmann leid, er hat sich vielleicht gedacht, er tut was übriges und was, wovon die Leute reden, noch in künftigen Zeiten […]. Kurz, er rackert sich ab, und dann scheiterts am gemeinen Volk, was vielleicht ein Krug Bier will und ein bissel Gesellschaft, nix Höheres“ (S. 65).

Mutter Courage fürchtet nun, mit dem Tode des Feldhauptmanns Tillys würden Friedenszeiten anbrechen und ihr Geschäft ruinieren. Der Feldprediger widerspricht ihr jedoch. In einer langen Rede verteidigt er die ewige Dauer des Krieges, der seiner Meinung nach immer die nötigen Unterstützer findet. Unterbrochen wird der Geistliche durch einen Soldaten, der im Hintergrund ein Lied singt. In diesem schildert er das unstete Söldnerleben aus eigener Perspektive.

Auch der Schreiber mischt sich in die Kriegsdebatten ein. Er wünscht sich Frieden, um endlich wieder nach Hause zurückkehren zu können. Mutter Courage ist dagegen mit der Frage beschäftigt, ob sie neue Waren einkaufen soll. Kattrin, welche die Rede des Feldpredigers mitangehört hat, ist entsetzt über die Fortdauer des Krieges, da ihre Mutter ihr einen Mann versprochen hat, sobald der Frieden kommt.

Brecht thematisiert hier den Krieg aus verschiedenen Perspektiven heraus: des Feldpredigers, der den Krieg verherrlicht, des singenden Soldaten, der keine Zeit mehr hat (vgl. „Funktion und Analyse…

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Szene 8

Mutterliebe und Geschäftssinn

So wie das sechste Bild beginnt auch die achte Szene mit der Nachricht vom Tod eines Kriegsherrn. Der schwedische König Gustav Adolf fällt in der Schlacht bei Lützen. Es geht das Gerücht um, dass nun Friedenszeiten anbrechen werden. Zwei Bauersleute, denen die Courage gerade hartherzig ein Geschäft ausgeschlagen hat, sind über die Nachricht erleichtert. Die Marketenderin fürchtet hingegen hohe finanzielle Verluste, da sie doch gerade erst auf Anraten des Feldpredigers neue Waren beschafft hat.

Auf der anderen Seite will die Courage die Situation nutzen, um in die Kirche zu gehen und für ihren toten Sohn Schweizerkas zu beten: „Kattrin, Friede! Zieh sein schwarzes an! Wir gehn in Gottesdienst. Das sind wir dem Schweizerkas schuldig“ (S. 78). Darüber hinaus äußert sie sich ungewohnt positiv über den Frieden und stellt ihre Mutterrolle den Geschäften voran: „Ich bin froh übern Frieden, wenn ich auch ruiniert bin. Wenigstens zwei von den Kindern hätt ich also durchgebracht durch den Krieg. Jetzt wird ich meinen Eilif wiedersehen“ (S. 78).

Die Anfangssituation der Szene macht die Widersprüche des Krieges deutlich, insbesondere die Ambivalenz der Courage zwischen Mutterliebe und Geschäftssinn. Als nach langer Zeit der Koch im Lager erscheint, hofft die Marketenderin, er habe ihren Eilif mitgebracht. Als sie hört, dass dieser unterwegs sei, verleiht sie ihrer Freude nur kurze Zeit Ausdruck. Danach beschwert sie sich über ihre wirtschaftliche Notsituation und den schlechten Ratschlag des Feldpredigers. Zudem befürchtet sie, die Soldaten bekämen ihren Sold nicht und könnten daher nicht mehr bei ihr einkaufen.

Die zwei Konkurrenten um die Gunst der Courage

Befremdlich ist auch, dass Kattrin sich nicht mehr über den Fri…

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Szene 11

Überfall auf ohnmächtige Bauern

Im elften Bild ist die Courage nunmehr allein mit ihrer Tochter unterwegs. Ihr Gefährte Pieter Lamb ist ins friedliche Utrecht gereist, um dort eine geerbte Wirtschaft zu betreiben. Anna Fierling sollte mit ihm kommen, Kattrin jedoch zurücklassen. Doch die Marketenderin entschied sich gegen ihr eigenes Glück und für die hilflose Tochter. Dieser Akt der Mutterliebe wird in der elften Szene einmal mehr relativiert.

Im Januar 1636 schlagen Kattrin und die Courage auf einem Bauernhof nahe der Stadt Halle ihr Lager auf. Die Szene beginnt spannungsvoll. Es ist Nacht. Kattrin schläft deshalb allein im Wagen, da ihre Mutter geschäftlich in Halle unterwegs ist. Ein Fähnrich und drei Soldaten erscheinen schwer bewaffnet. Sie planen einen heimtückischen Angriff auf die Stadt. Die Männer zerren Kattrin aus dem Wagen und bedrohen die Bauersleute. Sie sollen ihnen ein Weg in die Stadt zeigen, anderenfalls werde ihr Vieh getötet.

Einer der Bauern geleitet die Soldaten in Richtung Stadt. Währenddessen beratschlagt das Bauernehepaar, was zu tun sei, um die Bewohner zu warnen, resigniert jedoch kurzerhand. Stattdessen bitten sie in einem Gebet um göttlichen Beistand. Diese Situation wirkt auf die Spannung der Handlung verzögernd, bildet also ein retardierendes Moment. Zugleich offenbart Brecht in dem Dialog die Flucht der kleinen Leute in die Passivität und die Rechtfertigung, den Widerstand zu vermeiden. Deutlich wird dies insbesondere durch die Wiederholung der Behauptung „wir können nicht…“ bzw. „wir können nix machen“ (vgl. S. 101). Mit dem Flehen um himmlische Unterstützung wird zudem die eigene Verantwortung auf eine höhere Instanz übertragen.

Kattrins mutige Initiative

In ihrem Gebet erwähnen die Bauern ihre in Halle lebenden Verwandten, unter denen auch Kinder sind. Die mitfühlende Kattrin wird hellhörig u…

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