Rezension

Chicago zu Beginn des 20. Jahrhunderts: In der Fleischindustrie herrscht Kapitalismus. Die Fabrikanten bereichern sich, während die Arbeiter für sie schuften müssen. Vor diesem Hintergrund ersinnt der „Fleischkönig“ Pierpont Mauler einen Plan zur alleinigen Kontrolle des Fleischmarktes. Gestützt durch die Wall Street, beginnt Mauler, seine Konkurrenten auszustechen, was vor allem zulasten der Arbeiter geht: Die Fabriken schließen und die Arbeitslosen müssen bei bitterste Kälte auf den Schlachthöfen ausharren.

Das Elend ruft die Wohltätigkeitsorganisation der Schwarzen Strohhüte auf den Plan. Unter ihnen befindet sich Johanna Dark, die vorhat, die Armen nicht nur mit Suppen zu speisen, sondern ihnen auch Gott nahezubringen. Damit treffen zwei Personen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Johanna sieht in jedem Menschen das Gute und pocht auf absoluten Gewaltverzicht, Mauler hingegen hat ständig seinen eigenen Profit im Blick und begreift sehr schnell, was er tun muss, um die gutgläubige Johanna für seine Zwecke auszunutzen.

Ohne dass sie es merkt, verhilft Johanna Mauler zur Kontrolle des Fleischmarktes und überwirft sich dafür sogar mit den Strohhüten – und zwar im Glauben, so den Arbeitern zu helfen. Als sie ihren Fehler bemerkt, ist es zu spät: Zwar versucht sie noch, direkt auf den Schlachthöfen etwas zu bewegen, doch letztlich scheitert sie an ihrem Pazifismus: Einen Aufruf zum Generalstreik überbringt Johanna aus Angst vor Ausschreitungen nicht.

 Die Arbeiterrevolution wird im Keim erstickt. Während Mauler nur einen kurzen Rückschlag erleidet, bevor ihm die Wall Street wieder auf die Beine hilft, müssen die Arbeiter für einen Bruchteil ihres Lohnes weiterschuften. Und Johanna – im Schneetreiben an einer Lungenentzündung erkrankt – stirbt umgeben von den Kapitalisten, gegen deren Lobgesänge ihre mit letzter Kraft vorgetragenen Appelle zur Revolution nicht ankommen.

Brechts Stück war so aktuell, dass die Nationalsozialisten es verbaten. Auch heute noch, in den Zeiten einer neuen Weltwirtschaftskrise, stellt Die heilige Johanna der Schlachthöfe die wichtigen und notwendigen Fragen. Welche Schlüsse zum Handeln daraus gezogen werden, bleibt jedem selbst überlassen. Genau das ist es, was Brecht mit seiner radikalen Theorie des epischen Theaters beabsichtigte. Und kaum irgendwo scheint es besser zu fruchten als in diesem Stück.

Brechts  Darstellung der Hoffnungslosigkeit in den Zeiten der Krise vermag heute noch das abzubilden, was mittlerweile nur allzu häufig und effizient von den Hochglanzbildern der individuellen Selbstverwirklichung überstrahlt zu werden droht: Den bedingungslosen Appell zur gesellschaftlichen Solidarität.