Rezension

Bertolt Brechts Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“ ist ein absoluter Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Parabel ist wegen ihrer Gestaltung im Stile des epischen Theaters, die sich von vielen anderen Bühnenklassikern deutlich unterscheidet, immer wieder eine Besonderheit, gleichgültig, ob man sie liest oder eine Aufführung ansieht. Sogenannte „Verfremdungseffekte“, die Brecht benutzt, um das Publikum von der Handlung zu distanzieren und ein kritisches Mitdenken zu fördern, kommen in diesem Stück häufig zum Einsatz.

Wenn das Bühnenspiel auch stellenweise überzeichnet wirkt, so schafft es dadurch doch genau das, was es soll: Es regt zum Nachdenken an, über den Kapitalismus, darüber, wozu Menschen in Not fähig sind, und über die Auswirkungen der sozialen Umgebung auf den einzelnen Menschen. Brecht stellt indirekt die grundlegende Frage: Was bedeutet es eigentlich, gut zu sein? Die Übergänge zwischen (übertriebener?) Nächstenliebe, selbsterhaltender Vernunft und kaltherzigem Egoismus werden in dem Stück strapaziert.

Wir begleiten Shen Te, eine ehemalige Prostituierte, auf ihrem Weg in den Ruin. Sie ist einfach zu gut für diese Welt. Sie gibt mehr, als sie hat, weil sie unbedingt ein guter Mensch sein will. Um sich vor dem Elend zu retten, erfindet sie ein geschäftstüchtiges Alter Ego. Verkleidet als Mann, läuft sie mit Anzug und Maske herum. Sie agiert kalt und berechnend, um in einer harten Gesellschaft wie Sezuan nicht unterzugehen. Diese Spaltung der Hauptperson ist einer der spannendsten Aspekte des Stückes, sicherlich auch, weil viele Leser und Zuschauer in der Doppelrolle ein bisschen von sich selbst wiedererkennen können.

Skurrile und unterhaltsame Charaktere spielen in diesem Stück mit: die zänkische Frau Shin, die Spezialistin darin ist, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. Oder die drei Götter, die weder allmächtig noch allwissend sind, aber stur an ihren Geboten festhalten wollen. Der größte Sympathieträger neben der Protagonistin ist wohl der Wasserverkäufer Wang, der in Regenzeiten immer ohne Beschäftigung bleibt.

„Der gute Mensch von Sezuan“ ist ein politisch und literarisch anregendes Schauspiel, das man gelesen (und gesehen) haben sollte. Dass das Stück alles recht plakativ auf den Punkt bringt, macht es gerade so lehrreich. Daher ist es auch für die Schullektüre so gut geeignet. Es ist das meist aufgeführte Werk des Dramatikers, vielleicht, weil die Frage nach dem Verhältnis von Nächstenliebe und Egoismus in der modernen kapitalistischen Gesellschaft immer noch grundlegend ist.