Menschenbild

Schwarz oder Weiß

Aus dem Verhalten der Figuren in „Der gute Mensch von Sezuan“ lassen sich verschiedene Aspekte eines Menschenbildes ableiten, das im Stück dargestellt wird. Zum einen wird eine Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem menschlichen Verhalten gemacht. Zum anderen wird das Menschenbild des Stückes durch das dargestellte Frauenbild und die Rolle, die der Mensch im wirtschaftlichen System spielt, abgebildet (siehe unten).

Die Protagonistin Shen Te wird auch von den Göttern als der titelgebende „gute Mensch von Sezuan“ angesehen. Ihr Gutsein wird von den Menschen der Stadt gelobt und anerkannt und sie trägt den Spitznamen „Engel der Vorstädte“ (S. 96). Eine so menschenfreundliche Lebensweise wie die der Shen Te kann sich jedoch kein Mensch in Sezuan leisten, ohne sich selbst zu ruinieren. Shen Te muss sich eine komplett gegensätzliche Persönlichkeit zulegen, um sich zu retten. Mithilfe einer Doppelrolle tritt sie als egoistischer und kalter Fabrikleiter auf: Verkleidet als Shui Ta will sie niemandem helfen und denkt nur an die Finanzen.

Auch die Eigenschaften der anderen Figuren in Sezuan sind skizzenhaft und grob gezeichnet. Die Armen können zwar nichts dafür, dass sie Not leiden, doch sie werden zu Schmarotzern, welche Shen Tes Gutmütigkeit rücksichtslos ausnutzen. Und die Besitzenden sind raffgierig und arrogant (Frau Mi Tzü) oder kaltherzig und brutal (Herr Shu Fu). Einige Figuren allerdings vereinen sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften in sich. Der Wasserverkäufer Wang z. B. ist ein Betrüger, der Wasserbecher mit doppeltem Boden verkauft (S. 10). Aber er ist auch ein loyaler Freund für Shen Te, der sich bei den Göttern für sie einsetzt (S. 53 ff.).

Trotzdem wirkt die Einteilung der Menschen in zwei Kategorien, die Guten und die Schlechten, ziemlich rudimentär und hat einen Anschein von Schwarz-Weiß-Malerei. Shen Te ist entweder Shen Te oder Shui Ta, sie kann nicht beides auf einmal sein. In der Realität ist es durchaus normal und gewöhnlich, dass Menschen z. B. im Berufsalltag eine andere Persönlichkeit an den Tag legen als im Privatleben. Die Menschen haben verschiedene Charakterzüge, und kaum einer kann ausschließlich als „gut“ oder „schlecht“ charakterisiert werden. Doch dadurch, dass in diesem Stück die Menschen eindeutig definierbar sind, wird die Botschaft des Stückes, dass das Gute in den Menschen durch den Kapitalismus zerstört wird, umso deutlicher vermittelt.

Mensch versus System

In Sezuan herrscht bei den meisten Menschen große Armut. Als die Götter Wang fragen, ob die Menschen es schwer hätten, antwortet Wang: „Die guten schon“, (S. 14). So schwer, scheint es, haben es die „guten“ Menschen, dass sie gezwungen sind, schlecht zu werden. Die meisten Armen schlagen sich mit Schmarotzen, Betrug und Diebstahl durch (Die achtköpfige Familie schickt ihren Jungen, um beim Bäcker zu stehlen, S. 33). Selbst Shen Te muss sich in Shui Ta verwandeln, um sich zu retten. Niemand kann in dieser Gesellschaft als „guter“ Mensch überleben.

Die Handlung hätte theoretisch anders verlaufen können, selbst wenn sie im gleichen System stattfinden würde. Die Menschen von Sezuan, besonders die aus der ärmsten Schicht, hätten sich zusammentun können – doch sie fokussieren zu sehr auf ihr eigenes Leiden. Die Arbeiter in Shui Tas Tabakfabrik hä...

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