Gut und Böse

Eine Art Ungeschicklichkeit

In Brechts Stück wird häufig der Terminus des „Guten“ verwendet, er steckt sogar im Titel. Auch das Schlechte als Gegensatz oder das Böse werden häufig genannt. Shen Te, die Protagonistin, sagt selbst über ihre Bekannten: „Sie sind schlecht“, (S. 21), weil diese raffgierig sind und sich neidisch verhalten, wenn Shen Te auch anderen helfen will. Sie erkennt aber, dass dieses Schlechte von der verbreiteten Armut und Not kommt, und fragt deswegen rhetorisch: „Wer könnte sie schelten?“, (ebd.). Für die Protagonistin ist das Böse nicht wirklich im Menschen vorhanden, sondern wird nur durch schlechte Umstände hervorgerufen. „Bosheit ist bloß eine Art Ungeschicklichkeit“, (S. 49), erklärt sie Yang Sun ihr Weltbild.

Shen Te hat aber auch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was gut ist. Sie versucht, danach zu leben und stets ein guter Mensch zu sein. Für sie bedeutet das unter anderem, niemals jemandem eine Bitte abzuschlagen. Sogar ihre ehemaligen Wirte, die Shen Te einst „auf die Straße gesetzt“ hatten, lässt sie bei sich wohnen (S. 20). Es gibt für sie also kein Prinzip der Vergeltung: Selbst wenn Menschen schlecht sind, muss man ihnen helfen, wenn man ein guter Mensch sein will.

Nächstenliebe oder Egoismus

Shen Tes selbstzerstörerische Selbstlosigkeit wird von den anderen Bewohnern Sezuans insofern anerkannt, dass sie Shen Te den „Engel der Vorstädte“ (S. 96) nennen und, als sie nicht mehr da ist, sich noch gegenseitig erzählen: „Sie war gut“, (S. 113). Ansonsten aber bekommt Shen Te für ihre Gutherzigkeit nichts zurück. Die Menschen in Sezuan sind so verroht, dass sie nicht an Nächstenliebe, sondern nur an sich selbst denken. Sie nutzen Shen Tes Gutmütigkeit, ohne zu zögern, aus.

In dem Stück wird aber deutlich, dass dieses Verhalten durch die Not angetrieben wird, und der Leser empfindet es sicher nicht als „böse“ Absicht. Ganz anders verhält es sich mit den zwei Figuren, die die Besitzenden repräsentieren: die Hausbesitzerin Mi Tzü und der Barbier Shu Fu. Die beiden sind im Vergleich zur restlichen Bevölkerung wohlhabend. Mi Tzü denkt überhaupt nicht daran, anderen zu helfen,...

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