Merkmale des epischen Theaters im Stück

Das sogenannte „Epische Theater“ ist eine Form, die sich von der klassischen Dramenform abwendet und den Zuschauer dadurch zu einem distanzierteren Blick auf das Geschehen auf der Bühne bringen soll. Es soll kritisches Mitdenken angeregt und vermieden werden, dass der Zuschauer sich von den Machtverhältnissen, welche im Stück dargestellt werden (im Falle Sezuan wäre das ein kapitalistisches System in den Anfängen der Industrialisierung), selbst einspannen lässt, ihnen also unterliegt. „Der gute Mensch von Sezuan“ enthält einige Elemente, welche die Form des epischen Theaters kennzeichnen.

Verfremdungseffekte

An einigen Stellen des Stückes werden Lieder von den Schauspielern vorgetragen, so z. B. „Das Lied vom Rauch“ (S. 27 f.) oder „Das Lied vom Sankt Nimmerleinstag“ (S. 91 f.). Unterschiedliche Figuren tragen die verschiedenen Lieder vor, es gibt also keinen bestimmten Sänger, der dafür zuständig ist. Das Stück hat auch einen Epilog am Schluss, in welchem ein beliebiger Schauspieler (welcher, ist nicht festgelegt) aus seiner Rolle schlüpft und sich mit einer kleinen Rede an das Publikum wendet (S. 144). Außerdem passiert es häufig, dass die Figuren sich vom Geschehen abwenden, sich dem Publikum zuwenden, es direkt ansprechen oder Fragen stellen. Diese Stellen sind im Nebentext mit der Vorgabe „zum Publikum“ (z. B. S. 111) gekennzeichnet.

Identifizierung durch kritisches Denken vorbeugen

Durch diese Lieder und Ansprachen an das Publikum wird es dem Zuschauer sehr bewusst, dass es sich hier um ein Theaterstück handelt. Die Schauspieler sind nicht konsequent in ihrer Rolle und verhalten sich nicht „natürlich“ innerhalb des Charakters, den sie darstellen. Der Zuschauer kann sich dadurch vom Geschehen distanzieren und lebt sich weniger in das Stück ein. Das traurige Schicksal des Protagonisten, in diesem Falle Shen Tes Untergang, soll kein Mitgefühl und Mitleid beim Publikum hervorrufen. Es soll ganz nüchtern zusehen und erkennen, wie die Handlungselemente sich weiterentwickeln.

Weltbild statt Einzelschicksal

Im Falle Sezuans ist es die kapitalistische Wirtschaftsordnung, die den Egoismus der Menschen zur Folge hat, der dargestellt wird. Die gesellschaftlichen und politischen Strukturen, in denen Shen Te lebt, lassen sich als Ganzes gut erkennen. Sie ist diesen Strukturen unterworfen. Ein kaltes und unmenschliches Weltbild wird dargestellt, in dem Nächstenliebe und Gutmenschentum nichts bringen außer Ruin, und in welchem sich jeder selbst der Nächste ist.

Verschiedene Handlungsebene

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