Rezension

Der Roman „Der Vorleser“ aus dem Jahr 1995, verfasst von Bernhard Schlink, thematisiert einerseits die Liebesbeziehung zwischen dem 15-jährigen Schüler Michael Berg und der Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz und andererseits die Themen Schuld und Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf die Verbrechen der Nationalsozialisten in Deutschland. Auch die Thematik des Analphabetismus wird in dem dreiteiligen Roman aufgegriffen.

In einer leicht verständlichen Sprache beschreibt Bernhard Schlink die Entwicklung des Protagonisten Michael Berg vom Schüler zum Studenten und schließlich zum Rechtshistoriker. Er versucht so, den Leser an die komplexen Thematiken heranzuführen und zu diesen mithilfe der Figuren einen Zugang zu verschaffen, der die Rezipienten zum Nach- und Mitdenken bewegt. So gibt der Roman nur eingeschränkt eine Antwort auf die Fragen nach der Verantwortung des Einzelnen für die Verbrechen der Nationalsozialisten in Deutschland und macht viel eher darauf aufmerksam, wie sensibel das Thema behandelt werden muss und wie komplex es ist.

Besonders durch den sich selbst reflektierenden Icherzähler Michael Berg werden innere Konflikte und Handlungsweisen einer Generation nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt. Damit wird indirekt die Frage aufgeworfen, inwieweit von einer Generation danach noch Verantwortung übernommen werden kann und übernommen werden muss. Der Roman ist aber ein gutes Lehrbeispiel dafür, dass auch in Zukunft über die Verbrechen der Nationalsozialisten gesprochen werden muss und sich jeder Einzelne über die Geschehnisse in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges bewusst sein sollte. Nur so kann verhindert werden, dass es jemals wieder zu solchen menschenverachtenden Missständen kommt.

In Kombination mit der unkonventionellen Liebesgeschichte von Michael und Hanna schafft Schlink es, eine persönliche Ebene in den Gewissenskonflikt der Figuren zu verankern. Das Thema Nationalsozialismus wird somit erstens nicht aus der Distanz erzählt und zweitens nicht einfach nur von einer Seite aus beleuchtet. Bernhard Schlink macht in der Figur von Hanna deutlich, dass es viele verschiedene Faktoren gibt, die einen Menschen dazu bringen können, einen anderen zu töten, was sie jedoch nicht von ihrer Schuld und Verantwortung freispricht. Vielmehr zeigt sich in Hanna erneut die Komplexität des ganzen Themenfeldes.

Insgesamt gelingt es Bernhard Schlink, mit dem Roman „Der Vorleser“ vor allem aufmerksam zu machen, und sensibilisiert den Einzelnen für die schwierige Frage nach Schuld und Verantwortung für die (eigene) Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg.