Vorfrühling Interpretation

Titel, Form und Metrik

August Stramm schreibt seit 1910 Gedichte. Er ist vierzig Jahre alt, als seine ersten Gedichte, unter anderem „Vorfrühling“, im April des Jahres 1914 in der Zeitschrift „Der Sturm“ veröffentlicht werden. Das Gedicht wird Ende des Jahres 1913 oder Anfang 1914 unter den Vorzeichen des nahenden Ersten Weltkriegs verfasst, der wenige Monate später, und zwar nach dem Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau, mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 beginnt.

Der Titel des Gedichts verweist auf die Zeit des Vorfrühlings, womit im Allgemeinen die Zeit von Mitte Februar bis Ende März gemeint ist, in der die Vegetationsperiode beginnt. Die Vorfrühlingsmotive sind durch eine lange literarische Tradition gekennzeichnet und stehen häufig in Verbindung mit der Vorstufe eines Aufbruchs.

Das Gedicht folgt keinem traditionellen Aufbau. Es besteht aus 16 Versen, die ganz unterschiedlich lang sind. Über die Verse hinweg erstrecken sich vier Sätze: Von den Versen eins bis drei erstreckt sich der erste, von den Versen vier bis acht der zweite Satz, die Verse neun und zehn betreffen den dritten und die Verse elf bis sechzehn den vierten Satz.

Auffallend ist, dass der erste und der letzte Vers einen Trochäus aufweisen, während die anderen Verse jambisch gehalten sind. Das gesamte Gedicht ist reimlos, weist aber eine Vielzahl an Assonanzen auf.

Verse eins bis drei

Die „Pfützen“ lenken den Blick auf den Boden, die jedoch ihr Gegenüber, den Himmel, spiegeln. Auch die „Prallen Wolken“ weisen auf schlechtes Wetter hin, denn sie sind offensichtlich mit viel Regenwasser gefüllt. Zudem „jagen“ sie sich. Es herrscht demnach Bewegung am Himmel, woraus sich schlussfolgern lässt, dass ein starker Wind herrschen muss. Die Referenz zu dem Verb „jagen“ in Bezug auf die Jagd lässt eine leicht bedrohlich wirkende Stimmung anklingen.

Der zweite Vers beschreibt nicht mehr die „Pfützen“, sondern zeichnet ein ganz anderes dramatisches Bild. Die starke Wirkung des Ausdrucks „Leibesbrüchen schreien“ lässt hier die Möglichkeit einer metaphorischen Lesart zu. Der Schrei suggeriert etwas Lautes und Erschreckendes.

Wird hier ein schreckliches Ereignis, wie etwa ein Kriegsgeschehen, beschrieben? Dann würden mit dem Ausdruck „frische Leibesbrüchen“ Soldaten, die gleich verwundet worden sind, dargestellt. Sie brüllen „Halme Ströme“: Vielleicht weinen sie so viel vor Schmerzen, dass ihre Tränen Ströme bilden. Auch „Die Schatten“ der dritten Zeile könnten diesen Eindruck verstärken: Sie sind matt, konturlos und „erschöpft“. Diese Personifizierung der Schatten lässt an kraftlose, niedergeschlagene Soldaten denken, die wie Gespenster auf dem Kriegsschauplatz erscheinen.

Verse vier bis acht

Die gewaltige Akustik des Schreiens aus dem zweiten Vers wird mit dem vierten Vers wieder aufgegriffen, de...

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