Rezension

Als der „Reigen“ von Arthur Schnitzler im Jahre 1903 erschien, kam es zum Skandal. Die Uraufführung, die erst siebzehn Jahre später stattfand, wurde sogar von ernsthaften Ausschreitungen von gegnerischer Seite begleitet. Als zu obszön wurde damals das Material empfunden: zehn Dialoge, in denen zehn verschiedene Paare auf die eine oder andere Weise zum Geschlechtsverkehr zusammenfinden. Einer der beiden Beteiligten sucht sich in der nächsten Szene einen neuen Partner, bis wir in der letzten Szene wieder bei der Dirne Leocadia landen, die schon aus der ersten Szene bekannt ist. Und so ergibt sich ein Kreis, in dem alle Figuren miteinander verbunden sind  – der Titel erklärt sich von selbst.

Wer „Reigen“ allerdings nur als eine Vorführung von Obszönitäten versteht, hat etwas verpasst – hier geht es nicht um pornografische Darstellungen (nicht ein einziger Beischlaf wird überhaupt direkt beschrieben), sondern es geht um die Figuren, die zusammenfinden. Es geht um ihre Persönlichkeiten, ihre geheimen Wünsche, ihre Suche nach Liebe und ihre Stellung in der Gesellschaft. In den Dialogen werden Machtverhältnisse zwischen Menschen dargestellt, die durch die Unterschiede, welche zwischen Geschlechtern und sozialen Schichten gemacht werden, zustande kommen. Der Rezipient bekommt einen Einblick in die bürgerliche Doppelmoral, den Untergang der mächtigen Aristokratie und das soziale Elend. Anhand von lebendig wirkenden Figuren und ihren persönlichen Geschichten werden diese Themen aufgegriffen und dargestellt.

Auch für Leser, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter interessieren, bietet der „Reigen“ sehr vieles. Hier zeigen sich, sehr zögerlich, die Auswirkungen der feministischen Welle gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Doch größtenteils finden sich jede Menge Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im „Reigen“ – samt den negativen Auswirkungen für Männer und Frauen. Dieser Aspekt ist heute, in Bezug auf die immer noch aktuelle Gleichstellungsdebatte, besonders interessant.

Arthur Schnitzlers kurzweilige zehn Dialoge, die zusammen den „Reigen” ergeben, sind humorvoll mit bitterem Unterton und regen zum Nachdenken an. In der karikierten Figur des Dichters bekommt der Leser sogar einen Einblick in Arthur Schnitzlers eigenes Verhältnis zu den Frauen. Die Szenenfolge ist ein wunderbar persönliches Porträt der Einwohner der Stadt Wien zur Zeit des Fin de Siècle.