Verschiedene Grade der Emanzipation

Die fünf weiblichen Figuren, die in „Reigen“ auftreten, stellen jeweils einen eigenen Typus Frau dar, wie sie unter anderem im Wien des Fin de siècle anzutreffen waren. Bei den verschiedenen Frauentypen sind unterschiedlich starke Tendenzen der feministischen Emanzipation zu erkennen.

1. Das Stubenmädchen: Die unterwürfige Frau

Am wenigsten emanzipiert wirkt das Stubenmädchen Marie. Sie hat in der zweiten Szene ein sexuelles Erlebnis mit dem Soldaten, der sie aber sehr rücksichtslos behandelt. Nach dem Akt will er sie nicht nach Hause bringen, sondern wieder zurück zum Tanzfest, wo er sie kennengelernt hat (S. 17). Er schlägt ihr vor, auf ihn zu warten, während er dort (mit anderen Frauen) weitertanzt, dann würde er sie später nach Hause begleiten. Marie lässt sich auf dieses Angebot ein und sieht dabei zu, wie der Soldat sich, zurück auf dem Tanzfest, prompt der nächsten Frau vorstellt (S. 18).

Trotzdem nimmt sich Marie den Soldaten zum Geliebten, wie man in der dritten Szene erfährt, als sie ihm einen Brief schreibt (S. 19). Sie lässt sich also durch des Soldaten rüpelhaftes Verhalten nicht davon abbringen, sich auf eine längere Beziehung mit ihm einzulassen. Der Eindruck entsteht, dass es für Marie die Hauptsache ist, irgendeinen Mann an ihrer Seite zu haben. Sie fühlt sich also abhängig von Männern oder empfindet mehr Zufriedenheit, wenn sie einen männlichen Partner hat, ob dieser sie gut behandelt oder nicht.

Marie hat sich mit ihrer traditionellen Frauenrolle abgefunden. Sie verhält sich sehr unterwürfig. Auch als der junge Herr mit ihr schläft, bekommt Marie danach keine besondere Zuwendung von ihm. Während er sie vor dem Akt noch sehr nett behandelt und ihr Komplimente macht, ist er danach „unangenehm berührt“ und will schnellstmöglich weg von ihr. Marie reagiert darauf nicht mit Protest oder bemerkbarer Traurigkeit. Sie sagt nichts dazu, steckt sich nur eine der Zigarren des jungen Herrn ein und geht ab (ebd.).

Für Marie scheint es normal, dass der Mann die Regeln bestimmt, dass sie ihm für seine sexuellen Lüste zur Verfügung steht und dass sie keine Erwartungen an ihn haben kann. Außerdem ist bei Marie sehr deutlich zu sehen, dass sie versucht, sich keusch und naiv zu geben, weil es sich nach ihrem Weltbild für Frauen so gehört. Obwohl die Absichten des Soldaten eindeutig sind, als er sie in eine dunkle Allee führt, stellt sie sich unwissend: „Ah, was machen S‘ denn? Wenn ich das gewußt (sic) hätt!“, (S. 13). Als Franz, der Soldat, zudringlich wird, reagiert Marie mit starker Ablehnung. Erst durch das letzte Wort, das Marie vor dem Geschlechtsakt ausruft, wird deutlich, dass sie tatsächlich einverstanden ist: „Sie, jetzt schrei ich aber wirklich. […] Aber, Herr Franz, bitt Sie, um Gottes Willen, schaun S‘, wenn ich das … gewußt (sic) … oh … oh … komm!“, (S. 15).

Dabei weiß Marie schon, mit welchem Interesse die Männer auf sie zugehen. Auch dem jungen Herrn gegenüber gibt sie sich unschuldig und überrascht, als er sich in eindeutiger Absicht an sie heranmacht. Dabei aber signalisiert ihre Körpersprache etwas anderes: „bei der Tür wendet sie sich um; der junge Herr hat ihr nachgeschaut; sie merkt es und lächelt“ und sie „erscheint mit einem Lächeln, das sie nicht zu verbergen sucht“, (S. 21). Als der junge Herr Alfred ihr gesteht, sie einmal beobachtet zu haben, als sie nackt schlief, antwortet sie: „O Gott, aber das hab ich gar nicht gewußt, daß (sic) der Herr Alfred so schlimm sein kann“, (S. 23). Marie versucht, darzustellen, dass Sex und Begierde etwas Unanständiges, Schlimmes sind, um zu zeigen, dass sie eigentlich eine anständige Frau ist.

2. Das süße Mädel: Die Unschuld als Fassade

Das süße Mädel versucht, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Es scheint unschuldig und überrascht über das triebhafte Verhalten der Männer. Als der Ehemann ihm gegenüber immer zudringlicher wird, protestiert es leicht. Das süße Mädel gibt sogar vor, dass im Wein eine Droge gewesen sein müsse, die es gelähmt habe (S. 65). Es stellt sich aber nach dem Geschlechtsakt im Chambre Séparée heraus, dass es dies nur als eine Ausrede vorgeschoben hat, denn: „Ich hab mich halt g‘schämt“, (S. 67).

Dass eine junge Frau vorgibt, man habe ihr Drogen eingeflößt, nur um nicht zugeben zu müssen, dass sie tatsächlich Lust auf Sex hatte, zeigt, wie tabuisiert der weibliche Trieb in der Welt, in der „Reigen“ spielt, ist. Das Mädel weiß das und tut auch so, als ob es mit Männern noch kaum Erfahrungen gemacht habe. Sie erzählt sowohl dem Gatten als auch dem Dichter, die sie ...

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