Frauenbild und Emanzipation

Das Festhalten an alten Rollenbildern

In der Zeit um die Jahrhundertwende 1900 bilden sich in Österreich und Deutschland Frauenbewegungen, die sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen. Das stößt in der männlichen Bevölkerung teilweise auf Zweifel und Unmut. Einige Wissenschaftler, Ärzte und Psychologen versuchen, das Frauenbild wieder zu definieren, und häufig wird sich dabei an den traditionellen Geschlechterrollen orientiert. Frauen sollen immer noch als dem Mann intellektuell unterlegen angesehen werden. Ihre Bestimmung sei es deswegen nicht, sich für die Geschehnisse der äußeren Welt zu interessieren, sich womöglich höher zu bilden und einen Beruf zu ergreifen, sondern ihre Rolle solle sich auf den Haushalt und die Familie beschränken.

Die Sexualität der Frau wird auf eine Weise dargestellt, die dem Mann naturgegeben mehr Freiheiten einräumt. Die Frau wird z. B. von dem Arzt Krafft-Ebing als ein Lebewesen, das weniger triebhaft als der Mann sei, dargestellt. Während der Mann eine Schwäche für triebhafte Liebe habe, sei die Liebe der Frau eher geistiger Natur. Ein Ehebruch vonseiten des Mannes wird daher als eher verzeihbar, da natürlich, angesehen als der einer Frau. Der Mann wird als von Natur aus polygam, die Frau als von Natur aus monogam eingestuft. Die Erfüllung ihres natürlichen Lebensglücks fände die Frau in der Ehe und in der Mutterrolle, so die von wissenschaftlicher Seite verbreitete Annahme in der Zeit des Fin de Siècle.

Die kindliche Frau

Die von der männlich dominierten Wissenschaft verbreiteten Ansichten über die Bestimmung der Frau werden von sich durch den Feminismus bedroht fühlenden Männern gern angenommen. Sie prägen als Gegensatz zur Frauenbewegung die Gesellschaft. Sie spiegeln sich im „Reigen“ wider. An mehreren Stellen werden die Frauen von ihrem jeweiligen Partner mit dem Kosenamen „mein Kind“ bezeichnet. Der Gatte spricht seine Frau so an (S. 41) und tut das Gleiche bei dem süßen Mädel (S. 63). Auch der Dichter bezeichnet das süße Mädel so (S. 82) und sagt auch zu der Schauspielerin „Kind“ (S. 86). Sie allerdings dreht den Spieß um und nennt den Dichter ebenso „mein Kind“ (S. 91), was aber eine Abweichung von der Norm darstellt.

Dass die Männer also erwachsene Frauen als Kinder bezeichnen, scheint als normaler, gar lieb gemeinter Kosename akzeptiert zu werden. Damit wird deutlich, dass es von den Frauen, hier der jungen Frau und dem süßen Mädel, hingenommen wird, nicht als ein reifer, erwachsener und dem Partner gleichberechtigter Mensch bezeichnet zu werden. Sie sind für die Männer wie Kinder – intellektuell, körperlich und rechtlich unterlegen.

Eheglück und Keuschheit

Die Ansicht, eine Frau könnte ihr Glück nur im sicheren Ehehafen finden, wird von den männlichen Figuren in „Reigen“ vertreten. Der Graf fragt z. B. die Dirne, ob es ihr eigentlich gut gehe und ob sie sich nicht überlegt habe, dass sie auch „was anderes werden“ (S. 114) könnte. Auf ihre Frage, was sie denn werden solle, antwortet er dann: „Also … Du bist doch wirklich ein hübsches Mädel. Du könntest doch zum Beispiel einen Geliebten haben […], weißt einen, der dich aushalt, daß (sic) du nicht mit einem jeden zu geh’n brauchst“, (ebd.).

Seiner Meinung nach wäre es besser für die Dirne, wenn ein Mann für ihren Lebensunterhalt aufkommen würde, anstatt selbst ihr Geld zu verdienen. Der Wert der Dirne wird von ihm darauf reduziert, dass sie hübsch sei und daher Chancen habe, einen Geliebten zu finden. Er ist be...

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