Literarischer Hintergrund: Merkmale des Realismus und Wiener Moderne im Werk

Die Wiener Moderne ist ein Sammelbegriff für verschiedene literarische Strömungen, die im Wien um die Jahrhundertwende 1900 vertreten sind. Während in Deutschland der Naturalismus seine Blütezeit hat, ist in Österreich die Dekadenzrichtung stärker vertreten, in der der Verfall der Gesellschaft kritisiert wird. Nicht auf äußerlich sichtbare Vorgänge wird sich konzentriert, sondern eher auf das, was im Innern vor sich geht.

Typische literarische Themen der Wiener Moderne, die sich im „Reigen“ wiederfinden, sind Menschen in Identitätskrisen, das komplizierte Innenleben, die Vergänglichkeit und der Tod. Durch Freuds Psychotherapie ist auch das Interesse an der Psychologie des Menschen gewachsen, was sich ebenfalls in der zeitgenössischen Literatur der Wiener Moderne und im „Reigen“ zeigt.

Thema Identitätskrise

Eine literarische Figur, die sich in einer Identitätskrise befindet, stellt in „Reigen“ die junge Frau dar. Sie hat eine Affäre mit dem jungen Herrn (Dialog 3, S. 25–42), ist aber verheiratet mit dem Ehemann Karl. Von ihrem Mann wünschte sie sich mehr Aufmerksamkeit und Zuneigung. Das wird deutlich, als er ihr sagt, dass er verliebt in sie sei, und sie entgegnet: „Man könnte es manchmal fast vergessen“, (S. 43). Die Sehnsucht nach mehr Zuneigung ist sicher ein Faktor, der die junge Frau dazu gebracht hat, eine Affäre zu beginnen. Doch statt diese einfach zu genießen, macht sie sich nun große Sorgen: um ihr Ansehen, aber auch um ihre für sich selbst empfundene Würde. Für sie sind ihre Taten ein großer Fehler, und sie weiß nicht, was sie tun soll: „O nein, es ist schändlich … von mir. Ich begreife mich selber nicht“, (S. 30) -„Ich bin ja selbst schuld. Alles rächt sich […] Nein, nein, nein, ich darf nicht zum Bewußtsein (sic) kommen … Sonst müßte (sic) ich vor Scham in die Erde sinken“, (S. 32).

Thema: das komplizierte Innenleben

Einige der Figuren im „Reigen“ verhalten sich auf eine Weise, die ihnen die zeitgenössische öffentliche Moral eigentlich verbietet. Nur wenige, wie z. B. die Schauspielerin, gehen ganz offen mit ihrer Triebhaftigkeit um (S. 85 ff.). Insbesondere die weiblichen Figuren geben sich den Männern gegenüber züchtig, bis sie schließlich, vom Trieb übermannt, nachgeben und sich auf den Geschlechtsakt einlassen, so z. B. das Stubenmädchen: „Sie, jetzt schrei ich aber wirklich. – Aber was machen S‘ denn … aber – […] Aber, Herr Franz, bitt Sie, um Gottes willen, schaun S‘, wenn ich das … gewußt (sic) … oh … oh … komm!“, (S. 15). Erst durch das letzte Wort „komm“ gibt Marie zu erkennen, dass sie die Vollziehung des Aktes selbst wünscht. Es gehört eindeutig zum guten Ton für die Frauen, zu agieren, als hätten sie ihre eventuellen sexuellen Begierden unter Kontrolle.

Zusätzlich zur sexuellen Lust wird auch das menschliche Glücksempfinden an mehreren Stellen im „Reigen“ thematisiert, teilweise auf philosophische Art. Der Dichter fragt z. B. das süße Mädel danach, ob es glücklich sei (S. 82). Das Gleiche fragt der Graf die Dirne (S. 114). Der junge Herr erzählt seiner Geliebten, der jungen Frau, dass er durch sie nun wisse, „was Glück sein könnte“, (S. 30). Der Gatte sagt ihr wiederum: „Ich bin sehr glücklich, daß (sic) ich dich gefunden habe“, (S. 45). Der Graf dagegen äußert der Schauspielerin gegenüber eine andere Haltung: „Glück? Bitt’ Sie, Fräulein, Glück gibt’s nicht. Überhaupt gerade die Sachen, von denen am meisten g’red’t wird, gibt’s nicht … zum Beispiel die Liebe. Das ist auch so was“, (S. 102).

Thema: Vergänglichkeit und Tod

Das für die Wiener Moderne beliebte Thema „Tod“ wird selten, aber dennoch ein paar Mal in „Reigen“ angesprochen. Die junge Frau, erschöpft durch ihr Doppelleben, erreicht den Ort ihrer Affäre und macht eine verbale Anspielung auf die Thematik: „Ich bin todmüd“, (S. 27).

Im Zusammenhang mit der Figur Leocadia wird zweimal die Vergänglichkeit des Lebens thematisiert. Die Dirne ist sich der Möglichkeit des Sterbens sehr bewusst und sagt zum Soldaten, als Argument dafür, dass er mit ihr schlafen solle: „Wer weiß, ob wir morgen noch’s Leben haben“, (S. 9). Als sie die Nacht mit dem Grafen verbringt, betrachtet er sie am nächsten Morgen, während sie noch schläft. Hier stellt er fest: „[…] es ist wahr, der Schlaf macht au...

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