Vergleich Lieutenant Gustl mit Fräulein Else

Unerhörte Begebenheit und zentraler Konflikt

Die im Jahr 1924 verfasste Novelle Fräulein Else repräsentiert die zweite Monolognovelle Schnitzlers, nachdem der Schriftsteller mit Leutnant Gustl zum ersten Mal in einem deutschsprachigen Text den inneren Monolog zum Strukturprinzip erhoben hat. Beide Novellen wurden wohl durch einen realen Vorfall angeregt und spielen in Wien oder zumindest im Einflussbereich der österreichischen Hauptstadt. Zwischen den beiden Texten liegt eine Zeitspanne von 24 Jahren – und damit die einschneidenden Jahre des Ersten Weltkriegs und des Untergangs der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Die beiden Erzählungen Leutnant Gustl und Fräulein Else weisen zunächst zahlreiche formale Parallelen auf: Zum einen handelt es sich bei beiden Texten dem Genre nach um eine Novelle (vgl. hierzu auch das Kapitel „Merkmale der Novelle in Lieutenant Gustl“). So stellt auch Fräulein Else einen Text mittlerer Länge dar, in dem eine unerhörte Begebenheit im Mittelpunkt steht. Die geforderte „Neuheit“ (vgl. auch den Namen „Novelle“) bezieht sich zum einen auf die Thematik, die von zeitgenössischer Aktualität sein und einen überraschenden Geschehenszusammenhang präsentieren soll. Außerdem können hiermit auch formale Aspekte, wie neuartige Techniken des Erzählens und der Sprache, gemeint sein.

Beide Anforderungen sind – ähnlich wie in Leutnant Gustl – auch in Fräulein Else erfüllt: Im Mittelpunkt steht ein einziger zentraler Konflikt, der zugleich eine erste Wendung des Geschehens mit sich bringt. In „Lieutenant Gustl“ handelt es um die erlittene Kränkung durch den Bäckermeister, in „Fräulein Else“ um die zur moralischen Forderung erhobene Bitte der Mutter, mit der sie ihre Tochter zum Sexualobjekt degradiert.

Innerer Monolog

Das „Neue“ der beiden Novellen besteht auch in der neuartigen Erzähltechnik des inneren Monologs. Schnitzlers Entscheidung für den inneren Monolog ist diesbezüglich thematisch begründet: In beiden Novellen ringen die Protagonisten um die Lösung eines existenziellen Konflikts, der mit ihrer Ehre verbunden ist, wobei die Suche nach einem Ausweg und das Abwägen verschiedener Handlungsalternativen in einen Entscheidungsmonolog münden. Nur die Erzähltechnik des inneren Monologs sei diesbezüglich dazu imstande, die Tiefen des menschlichen Seelenlebens auszuloten und die existenzielle Krise, welche die beiden Hauptprotagonisten durchleben, ungefiltert zur Darstellung zu bringen.

Elses Dilemma kann allerdings als ungleich größer und tragischer als Gustls Ehrverletzung bezeichnet werden:  Nicht nur Elses eigenes Wohl, sondern auch das Wohl ihres Vaters ist von ihrer Entscheidung abhängig. Die lineare und einsträngige Handlung, die in Novellen meist darum kreist, wie ein Mensch mit einer Krise umgeht, endet in beiden Texten mit einer Pointe, die eine erneute Wendung des Geschehens mit sich bringt: Der plötzliche Tod des Bäckermeisters auf der einen und Elses Entschluss, sich in aller Öffentlichkeit nackt zu zeigen, auf der anderen Seite.

Tod und Selbstmord

In beiden Novellen überlegen die beiden Protagonisten, ob ihnen wirklich nur der Selbstmord als letzte Lösung für ihren inneren Konflikt bleibt. Beide Geschichten zeichnen sich durch ihr offenes Ende aus: Während Gustl nach dem zufälligen Tod des beleidigenden Bäckermeisters auf den geplanten Suizid verzichtet, am Nachmittag aber noch ein anderes Duell zu überstehen hat, versucht die verzweifelte Else, tatsächlich Selbstmord durch die Einnahme einer Überdosis Schlafmittel zu begehen.

Leutnant Gustl hat somit einen tragikomischen Ausgang, während Fräulein Else tragisch endet: Durch den Akt der öffentlichen Entblößung hat Else in den Augen der Gesellschaft die Welt der anständigen bürgerlichen Frau verlassen und ist dem Wahn verfallen. Nicht umsonst plädiert ihre Tante sogleich dafür, Else in eine Anstalt einliefern zu lassen.

Für Else selbst ist dieser Schritt allerdings nicht nur ein Ausdruck der Verzweiflung, sondern zugleich auch ein Ausbrechen aus dem Korsett der bürgerlichen Moralvorstellungen, hinter denen sie ihre wahren Wünsche und erotischen Sehnsüchte stets verstecken musste. Die Einnahme des Schlafmittels Veronal[1] bedingt am Ende eine erneute plötzliche und auch schicksalhafte Wendung, insofern sie vermutlich zu Elses Tod führt.

Unterschiede zwischen Leutnant Gustl mit Fräulein Else

Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Novellen besteht in Bezug auf ihre Thematik. In der früheren Erzählung wird durch Leutnant Gustl die k. und k. Armee der Kritik ausgesetzt, in der späteren Novelle wird durch das Selbstgespräch einer weiblichen Person die gesellschaftliche Problematik einer Frau um 1900 behandelt.

Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Novellen ist in der Erzähltechnik des inneren Monologs zu finden, die in Fräulein Else nicht mehr so konsequent eingehalten wird wie noch in Leutnant Gustl. Während das Selbstgespräch Gustls nur durch die beiden kurzen – wenngleich dramaturgisch sehr bedeutsamen – Dialoge mit dem Bäckermeister und dem Kellner unterbrochen wird, sind in „Fräulein Else“ deutlich mehr Dialoge in Elses innere Selbstauseinandersetzung integriert. Diese sind auch typografisch von Elses autonomer Gedankenrede abgesetzt und damit deutlich markiert.

In Fräul...

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