Gustl und die Frauen

Erste sexuelle Erfahrungen

Gustls Verhältnis zu Frauen scheint sich in erster Linie als ein Akt der Eroberung darzustellen. Das zeigen schon seine ersten Erfahrungen mit Frauen, an die er sich im Laufe seines Selbstgesprächs erinnert. Gustl hat schon sehr früh angefangen, seine Männlichkeit in lockeren Affären unter Beweis zu stellen: „und so jung habʼ ich angʼfangen – ein Bub war ich ja noch“ (S. 29). Seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelte er mit einer Böhmin, die nahezu doppelt so alt war wie er selbst. An den Namen seiner ersten Sexualpartnerin kann er sich bezeichnenderweise nicht mehr erinnern. Gefühle für sie hat er sicher nicht entwickelt.

Eine weitere Affäre, an die sich Gustl erinnert, war eine lockere Liaison mit einer Dienstmagd auf dem Hof seines Onkels. Nach längerem Nachdenken fällt ihm zwar der Name der jungen Frau, Etelka, ein, dennoch zeugen seine weiteren Überlegungen erneut von der Bedeutungslosigkeit der jeweiligen Partnerin: „Kein Wort Deutsch hat sie verstanden; aber das war auch nicht nothwendig … habʼ gar nichts zu reden brauchen. … Ja, es wird gut sein, vierzehn Tage Landluft und vierzehn Nächtʼ Etelka oder sonstwer“ (S. 12).

Gerade seine letzte Bemerkung „oder sonstwer“ weist auf die Beliebigkeit und Austauschbarkeit der jeweiligen Frau hin, mit der ihn nichts weiter verbinden als das flüchtige sexuelle Abenteuer und das bedeutungslose Vergnügen: „und alles Übrige kennʼ ich … ob so ein Mensch Steffi oder Kunigunde heißt, bleibt sich gleich“ (S. 33).

Beziehung mit Adele

Die einzige Beziehung, der Gustl im Rückblick einen gewissen Stellenwert einräumt, ist die inzwischen schon mehr als zwei Jahre zurückliegende Liaison mit Adele, nach der er sich im Angesicht seines baldigen Todes zurücksehnt. In dieser einzigen ernstzunehmenden Bindung waren wohl immerhin von Adeles Seite her tiefergehende Gefühle im Spiel, zumindest wird dies im Rückblick von Gustl so angedeutet: „Was die für Gʼschichten gemacht hat, wieʼs aus war … mein Lebtag habʼ ich kein Frauenzimmer so weinen gesehʼn […] die hat mich gern gehabt, do könntʼ ich dʼrauf schwören“ (S. 34f.), „war doch die Einzige, die dich gern gehabt hat“ (S. 35).

Gustl hat sie jedoch mitleidslos abserviert, nachdem ihm die Bindung an einen einzigen Menschen zu langweilig wurde und er keine Bereitschaft verspürte, noch mehr Zeit und Kraft in den Aufbau der Partnerschaft zu investieren. Außerdem wuchs mit der zunehmenden Dauer der Beziehung seine Angst, sich nicht mehr aus deren Fesseln lösen zu können und damit auch seine Freiheit zu verlieren: „Ich möchtʼ nur wissen, warum ich die aufgeben habʼ … so eine Eselei! Zu fad ist es mir geworden, ja – das war das Ganze. … So jeden Abend mit ein und derselben ausgehʼn … dann habʼ ich eine Angst gʼhabt, daß ich überhaupt nimmer loskommʼ“ (S. 34f.).

Verhältnis mit Steffi

Im Vergleich zu Adele erscheint ihm seine jetzige Partnerin Steffi, die ganz dem unbekümmerten und leicht aufreizenden Typus des von Schnitzler so oft dargestellten „süßen Mädels“ entspricht, weniger wert zu sein: „Ja, wennʼs noch die Adelʼ wärʼ … nein, die Adelʼ! – […] das war doch eigentlich die Hübscheste! … So bescheiden, so anspruchslos, wie die war […] – doch was ganz Anders als die Steffi“ (S. 34f.).

Die abfälligen Kommentare über seine jetzige Partnerin, die er sogar abschätzig als „Luder“ (S. 42) bezeichnet, zeigen deutlich, dass auch diese nunmehr seit vier Monaten bestehende Liaison (vgl. S. 38) nicht von Wertschätzung oder gar von Liebe gekennzeichnet ist: „Ist doch ein Glück, daß ich nicht in sie verliebt war … das muß traurig sein, wenn man Eine gernʼ hat, und so“ (S. 42). Folglich ist er auch von der Kurzlebigkeit dieser Beziehung überzeugt: Steffi ist für ihn nicht mehr als eine Etappe in dem bunten Reigen wechselnder Liebeleien: „Nach der Steffi wärʼ ja noch manche Andere gekommen, und am Endʼ auch eine Eine, die was werth ist“ (S. 42).

Auch von Steffis Seite aus scheinen nicht wirklich tiefere Gefühle im Spiel zu sein. Vielmehr lässt sie sich bei der Auswahl ihrer Männer von vorrangig pragmatischen Gesichtspunkten leiten. Sie unterhält neben der Affäre mit Gustl noch ein Verhältnis zu einem finanziell gut gestellten Reserveoffizier, der sein Geld in einer Bank verdient (vgl. S. 11).

Steffi hat auch keine Skrupel, den Mann, der sie finanziell aushält, zu betrügen und ohne schlechtes Gewissen zu hintergehen. Dies wird beispielsweise in der Tatsache deutlich, dass sie bei einem zufälligen Treffen ihrer beiden Liebhaber nicht etwa beschämt reagiert, sondern übermütig genug ist, hinter dem Rücken des Reserveoff...

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