Widersprüche

Sein und Schein

Für die Deutung von Gustls Persönlichkeitsstruktur ist zudem wichtig, dass er sich – ohne dies zu realisieren – beständig selbst widerspricht. Die eigentliche Ursache hierfür ist in der Diskrepanz zwischen Sein und Schein zu finden: Gustl möchte um jeden Preis die Fassade des tapferen Soldaten aufrechterhalten und ist demzufolge beständig darum bestrebt, nach außen hin als ein anderer zu erscheinen, als er in Wirklichkeit ist.

Beispielsweise will Gustl während des Konzerts den Eindruck eines kunstinteressierten Mannes erwecken und schließt sich folglich den abschließenden Begeisterungsstürmen und allgemeinen Beifallsbekundungen an: „Bravo, bravo! […] Ja, jetzt steht die ganze Gʼsellschaft da droben auf; sieht sehr gut aus – imposant! […] So, das lassʼ ich mir gʼfallen – sehr schön! Es ist wirklich wahr, man solltʼ öfters in Concerte gehen. … Wunderschön istʼs gʼwesen, werdʼ ich dem Kopetzky sagen. …“ (S. 11).

Kurz darauf bezeichnet er die Veranstaltung allerdings als „blöde[s] Concert“, in das er angesichts mangelnder Alternativen habe „gehʼn müssen“ (S. 11). Im krassem Widerspruch zu der zitierten Friedens- und Liebesbotschaft des Oratoriums: „Ihr, seine Engel – lobet den Herrn“ (S. 15) steht auch Gustls Aggressivität, die sich währenddessen ungezügelt Bahn bricht: „Ah, wartʼ nur, mein Lieber – bis zur Kampfunfähigkeit … ja wol, du sollst kampfunfähig werden …“ (S. 15).

Eine Widersprüchlichkeit ergibt sich zudem auch dadurch, dass Gustl darum bemüht ist, sich bis zuletzt als furchtlosen und kaltblütigen Mann (vgl. S. 40) zu präsentieren, während er in Wirklichkeit von Todesangst geplagt ist. Infolgedessen versucht sich der vor Angst zitternde und zähneklappernde Leutnant, bis zum Schluss einzureden, dass er dazu fähig sei, die erforderliche „Contenance“ (aus dem Französischen: Fassung, S. 38) zu wahren: „und im Ganzen, ich muß schon selber sagen, haltʼ ich mich ganz brav“ (S. 43).

Gustls Selbsteinschätzung als „höflicher Mensch“ (S. 31) steht darüber h...

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