Schuld und Verantwortung

Elses Instrumentalisierung

Um den gefürchteten gesellschaftlichen Skandal zu verhindern, scheuen die Eltern nicht davor zurück, ihre Tochter zu ihren Zwecken einzuspannen: Statt selbst die Konsequenzen für das eigene Handeln zu tragen, laden sie die Verantwortung für die Abwendung des drohenden Unheils auf die Schultern ihrer Tochter. In ihrem Brief, in dem Elses Mutter ihr Anliegen äußert, greift sie diesbezüglich zu Verharmlosungen, um ihrer Bitte den Anschein des Belanglosen zu verleihen: „Ich versichere dich, es ist nichts dabei“ (S. 13), „Glaub mir, du vergibst dir nicht das Geringste, mein geliebtes Kind“ (S. 14).

Zeigen allerdings schon die anfänglichen Bedenken des Vaters (vgl. S. 14), dass das geäußerte Anliegen alles andere als harmlos ist, werden die mütterlichen Beschwichtigungsversuche vollends durch Elses Kommentare als trügerische Strategie entlarvt: Die Eltern spekulieren auf die erotische Attraktivität ihrer Tochter in Bezug auf den potenziellen Geldgeber und nehmen billigend in Kauf, dass sich ihre Tochter verkaufen und zur sexuellen Handelsware erniedrigen muss. Damit wird Else in die Rolle als Tausch- und Lustobjekt gedrängt, die sich in den Augen der Eltern wie eine Marionette der unmoralischen Forderung zu beugen hat:

„Er muss es ja vorher gesehen haben. Er kennt ja die Menschen. […] Er hat sich doch denken können, dass der Herr von Dorsday nicht für nichts und wieder nichts. – Sonst hätte er doch telegraphieren oder selber herreisen können. Aber so war es bequemer und sicherer, nicht wahr, Papa? Wenn man so eine hübsche Tochter hat, wozu braucht man ins Zuchthaus zu spazieren? Und die Mama, dumm wie sie ist, setzt sich hin und schreibt den Brief. Der Papa hat sich nicht getraut“ (S. 39).

Elses Dilemma

Elses Verhältnis zu ihren Eltern ist von großer Zwiespältigkeit gekennzeichnet: Einerseits sehnt sie sich nach dem Schutzraum der Familie, andererseits erfährt sie, dass ihre Eltern ihr nicht nur nicht den gewünschten Halt bieten können, sondern sie im Gegenteil in ihre desolate Situation hineinzuziehen wünschen.

Ganz bewusst nutzen Elses Eltern ihr töchterliches Pflichtgefühl aus, um sich aus ihrer katastrophalen finanziellen Lage zu befreien. Else stürzt, als sie den Brief ihrer Mutter erhält,  in ein furchtbares Dilemma zwischen Gehorsam und Widerstand. Elses Hin- und Hergerissensein zeigt ...

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