Elses Rebellion und Selbsttötung

Schwanken zwischen Anpassung und Rebellion

Elses hysterische Symptome stehen in ursächlichem Zusammenhang mit ihrem Schwanken zwischen der Anpassung an die gültigen Ehr- und Moralvorstellungen der Gesellschaft und ihrer Rebellion gegen diese tradierten Rollenbilder: „Was gehen mich die Leute an?“ (S. 58).

Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die strenge Sittenmoral der zeitgenössischen Gesellschaft und die damit verbundenen Verhaltensweisen im sexuellen Bereich, deren Einhaltung insbesondere vom weiblichem Geschlecht nicht hinterfragt werden durfte: Während den Männern durchaus die Möglichkeit zugebilligt wurde, ihre sexuellen Bedürfnisse bei verschiedenen Geliebten auszuleben, hatten sich die Frauen der gebotenen Enthaltsamkeit zu unterwerfen. Sollten sie gegen diese Sittlichkeitsgebote verstoßen, bedeutete dies den Verlust ihrer Ehre und wurde mit dem Entzug des gesellschaftlichen Ansehens geahndet.

Else, die sich selbst als „anständiges junges Mädchen aus guter Familie“ (S. 50) beschreibt, scheint grundsätzlich gewillt zu sein, die Regeln der gesellschaftlich geforderten Wohlanständigkeit einzuhalten: Männliche Annäherungsversuche, die sie sich eigentlich ersehnt, würde sie mit der gebotenen Zurückhaltung und Züchtigkeit abwehren – dies gilt insbesondere auch für die Beziehung zu ihrem Cousin Paul, die sie auf kleinere Flirts beschränken, aber eben nicht zu einer wirklichen Affäre vertiefen möchte: „Brauchst keine Angst zu haben, Tante Emma …“ (S. 5).

Diesem nach außen hin züchtigen und ehrenhaften Verhalten stehen jedoch Elses Sinnlichkeit und ihre Sehnsucht nach einem schamlosen Ausleben ihrer Bedürfnisse entgegen. Damit wird Else zuletzt durch ihre öffentliche Entblößung nicht nur zu einem angepassten Mitglied der Gesellschaft, sondern eben auch zu einer Rebellin, die gegen die strenge Sittenmoral und die Doppelmoral der Gesellschaft ankämpft.

Wollen und Müssen

Die Tendenz zum Ausbruch aus dem von Scheinheiligkeit geprägten gesellschaftlichen Leben zeigt sich dann gleich zu Beginn der Novelle, wenn Paul seine Cousine fragt: „Du willst nicht mehr weiterspielen, Else?“ (S. 5). Indem hier das Modalverb „wollen“ mit dem negierten Verb „weiterspielen“ in Verbindung steht, wird Else einerseits als Frau eingeführt, die sich dem gesellschaftlichen Rollenspiel und der vorherrschenden Scheinheiligkeit fügt (sie spielt nur), andererseits wird Elses Willen betont, die ihr zugedachte Rolle zu verändern und auszubrechen: Sie will nicht mehr.

Von dem ersten Satz der Novelle an wird auf diese Weise das Spannungsfeld beschrieben, in dem sich Else bewegt und das sie innerlich mehr und mehr zu zerreißen droht: Einerseits fügt sich Else nach außen hin dem tradierten Sitten- und Ehrenkodex, andererseits sehnt sich nach Veränderung. Damit setzt sie ihren Willen dem Zwang, weiterzuspielen, das heißt auch die von ihr geforderte gesellschaftliche Rolle weiterzuspielen, entgegen.

Else erweist sich im Laufe der Erzählung als Opfer eines von Männern dominierten Systems, welches die Frau zur Ware erniedrigt, gleichzeitig aber auch als Symbol für eine neue Konzeption von Weiblichkeit, die sich gegen diese Verdinglichung zur Wehr setzt. Somit versucht Else verzweifelt, das gesellschaftliche Muss: „Es muss ja sein, ich muss es ja tun, alles, alles muss ich tun, was Herr Dorsday verlangt, damit der Papa morgen das Geld hat, – damit er nicht eingesperrt wird, damit er sich nicht umbringt“ (S. 57), durch ein autonomes und selbstbestimmtes Handeln zu überwinden: „Ich will nicht, will nicht, will nicht“ (S. 57).

In ihrer Traumwelt versucht sie, diesem Zwang zu entfliehen: „Aber ich muss nicht. Ich muss überhaupt gar nichts. Wenn es mir beliebt, kann ich mich jetzt auch ins Bett legen und schlafen und mich um nichts mehr kümmern“ (S. 61).

Sich verschenken, aber nicht sich verkaufen

Else erträumt sich als ein „Luder […], wie es die Welt nicht gesehen hat“ (S. 56). Mit dieser Traumvision rebelliert Else zum einen gegen die rigide Tugendvorstellung der Gesellschaft, zum anderen aber auch gegen die Verdinglichung des weiblichen Körpers, der die Doppelmoral der Gesellschaft aufs Deutlichste vor Augen führt (vgl. hierzu auch das Kapitel „Else und die Sexualität“).

Mit ...

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