Elses Konflikt und Hysterie

Symptome der Hysterie

Else durchlebt im Laufe der Novelle eine existenzielle Krise, die sie am Ende in den Wahnsinn treibt. Tatsächlich zeigt Else von Beginn an einige typische Symptome der insbesondere von Freud untersuchten Hysterie: Zu nennen wären hier beispielsweise ihr Hang zu schauspielerartigen, gekünstelten Verhaltensweisen (siehe dazu „Elses Charakterisierung“). Verdeutlicht wird dies nicht nur durch ihren mehrfach geäußerten Wunsch, als Schauspielerin auf einer Bühne zu stehen: „Zur Bühne hätte ich gehen sollen“ (S. 18), sondern auch in ihren Vergleichen, in denen sie ihr Leben mit einem Schauspiel oder einem Roman gleichsetzt (Siehe Analyse Abschnitt „Intertextuelle Bezüge“). Beispielsweise lehnt sich Else des Öfteren an das Leben der Roman- und Opernfigur Manon Lescaut an: Sie ist das Vorbild für ihr Ideal von einem freien, die Regeln der Gesellschaft unterwandernden Liebesleben, das „Luder“, das Else so gern sein möchte.

Auch ihr Hang, ihre öffentlichen Auftritte bewusst zu inszenieren, deutet in diese Richtung. Selbst in einer emotional sehr aufwühlenden Situation spielt sie mit dieser Selbstinszenierung: „Ich muss mich jetzt sehr hübsch ausnehmen in der weiten Landschaft. Schade, dass keine Leute mehr im Freien sind“ (S. 37).  Nicht zuletzt möchte sie schließlich ihren Auftritt in der Hotelhalle „großartig“ (S. 21) in Szene setzen.  In diesen Kontext gehören auch ihre exhibitionistischen Fantasien, die man mit Freud als verdrängte sexuelle Wunschfantasien deuten kann.

Als Symptome einer Hysterie können überdies Elses zunehmende Unsicherheit und Nervosität sowie ihre depressive Stimmung gedeutet werden, die bereits zu Beginn der Novelle mit einer grassierenden Todessehnsucht einhergeht. Außerdem weist Else zunehmend Anzeichen einer psychotischen Dissoziationsstörung auf, die mit Erfahrungen der Selbstentfremdung einhergeht: „Bin das ich, die da redet? Träume ich vielleicht? Ich habe gewiss jetzt auch ein ganz anderes Gesicht als sonst“ (S. 28).

Diese sich im Laufe der Novelle verstärkenden Symptome kulminieren schließlich in Elses hysterischem Anfall während ihrer öffentlichen Zurschaustellung: Else bricht unter einem nicht zu bezwingenden Gelächter zusammen; damit hat sie letztlich die Kontrolle über ihren Körper gänzlich verloren: „Wer lacht denn da? Ich selber? […] Zu dumm, dass ich lache. Ich will nicht lachen, ich will nicht“ (S. 70).

Dora und Else

Verdeutlicht werden die Bezüge zur Hysterie dadurch, dass „Fräulein Else“ intertextuelle Bezüge und Parallelen zu Freuds Abhandlung „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ (1905) aufweist. In dieser Abhandlung beschreibt Freud die Behandlung der knapp 18 Jahre alten Hysterie-Patientin Dora.

Sowohl Else als auch Freuds Patientin Dora haben ungefähr das gleiche Alter. Sie entstammen beide der großbürgerlichen Gesellschaftsschicht Wiens um 1900 und leben in einer ähnlichen Familienkonstellation.  Zu Doras Familie gehören neben ihren Eltern noch eine Tante sowie ein eineinhalb Jahre älterer Bruder, mit dem sie sich früher eng verbunden fühlte, von dem sie sich nunmehr aber zunehmend entfremdet hat. Vergleichbar ist auch die Tatsache, dass für Freuds Patientin der Vater die wichtigste Bezugsperson darstellt, während sie zu ihrer ungebildeten und mit nur wenig Intelligenz ausgestatteten Mutter ein sehr schlechtes Verhältnis hat.

Des Weiteren sehen sich beide junge Frauen als Tauschobjekte im Interesse ihrer Väter: Während sic...

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