Else und Dorsday

Dorsdays Fassadenhaftigkeit

Neben den vorherrschenden familiären und gesellschaftlichen Bedingungen ist es insbesondere der reiche Kunsthändler Dorsday, der zum Dreh- und Angelpunkt für Elses Schicksal wird. Seine Bedingung, Else ein Viertelstunde nackt betrachten zu dürfen, stürzt sie in einen starken inneren Konflikt, sie muss zwischen dem Wahren ihrer Selbstachtung und der Mitschuld an dem Gefängnisaufenthalt des Vaters wählen.

Dorsday kann als Verkörperung eines fassadenhaften Menschen charakterisiert werden: Nichts an ihm ist echt, nicht einmal sein Name: Er ist der personifizierte Schein (vgl. hierzu die Charakterisierung Dorsdays). Else jedoch durchschaut das unehrliche Verhalten des „schlechte[n] Schauspieler[s]“ (S. 36): „Nein, Herr Dorsday, ich glaube Ihnen Ihre Eleganz nicht und nicht Ihr Monokel und nicht Ihre Noblesse“ (S. 16). Gerade diese Fassadenhaftigkeit und Aufgeblasenheit („[a]ffektierter Schuft“ (S. 36)) sind es, die ihr Dorsday so „unsympathisch“ (S. 16) werden lassen: „Ach, wenn es doch ein anderer wäre, irgendein anderer. Alles, alles könnte er von mir haben heute Nacht, jeder andere, nur Dorsday nicht“ (S. 48f.).

Dorsdays Blicke

Verstärkt wird Elses Ablehnung noch durch ein zweites Moment, das nach Dorsdays Erpressung deutlich zutage tritt: Dorsday ist als Geschäftsmann nicht willens, eine Leistung ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Wie sehr er das kapitalistische Leistungsdenken verinnerlicht hat, zeigt sich darin, dass er ausschließlich in den Kategorien des Handels und Tauschens zu denken vermag.

Selbst zwischenmenschliche Beziehungen verkommen in diesem Zuge zum Tauschgeschäft, werden instrumentalisiert und verdinglicht. Diesbezüglich offenbart die Bedingung, die er Else auferlegt, auch sein zugrundeliegendes Frauenbild: Mit seinem Wunsch, Else in ihrer Nacktheit ansehen zu dürfen, degradiert er sie zum Kunstobjekt, das – gleich einer Statue – zur äußersten Passivität verdammt ist.

In diesem Zusammenhang verweist Else immer wieder auf Dorsdays Machtanspruch suggerierenden Blick, der wie eine Art Röntgenblick ihre Kleidung durchdringt und von Beginn an als schamlos und grenzüberschreitend beschrieben wird: „Wie tief er sich verbeugt und was für Augen er macht. Kalbsaugen“ (S. 8), „Seine Augen werden sich in meinen Ausschnitt bohren. Widerlicher Kerl. Ich hasse ihn“ (S. 17), „Ich fühle den Blick von Dorsday auf meinem Nacken, durch den Schal“ (S. 25), „Er soll mich nicht so ansehen, es ist unanständig“ (S. 28), „Ich sitze da wie eine arme Sünderin. Er steht vor mir und bohrt mir das Monokel in die Stirn und schweigt“ (S. 28), „Nie hat ein Mensch mich so angeschaut. Ich ahne, wo er hi...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen