Wiener Bürgertum um 1900

„Fräulein Else“ als Spiegel des Wiener Bürgertums

Sehr viele Erzählungen und Dramen Schnitzlers spielen in Wien um die Jahrhundertwende und greifen auch typische zeitgenössische Themen und Motive auf. Dementsprechend ist es zum besseren Verständnis seiner Werke unerlässlich, sich mit der politischen und gesellschaftlichen Situation Österreichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen, die mit der Entstehung der literarischen „Wiener Moderne“ in engem Zusammenhang steht.

Obwohl „Fräulein Else“ im Jahr 1924 verfasst worden ist, spielt die Handlung im Jahr 1896 und ist damit zeitlich sogar noch vor „Lieutenant Gustl“ angesiedelt. Beide Novellen zeichnen sich  diesbezüglich dadurch aus, dass mithilfe der Erzähltechnik des in…

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Die patriarchalische Gesellschaftsstruktur

In Wien zu Beginn der Jahrhundertwende lassen sich zwei verschiedene Typen des Bürgertums herauskristallisieren: Auf der einen Seite steht das Bildungsbürgertum, dem nicht nur Schnitzler selbst, sondern auch die meisten seiner literarischen Figuren angehören. Zu dieser Gruppe lassen sich höhere und mittlere Beamte, Lehrer, Ärzte und Künstler mit akademischem Titel zählen. Auf der anderen Seite existierte das Großbürgertum, dessen bürgerliches Selbstbewusstsein vorrangig über Kleidung und Habitus zur Schau ges…

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Der Sittenkodex

Die Wiener Gesellschaft um 1900 wird von der Prämisse bestimmt, dass die Institution der Ehe mit leidenschaftlicher Liebe letztlich nicht zu vereinbaren sei. Somit galt erfüllende Sexualität nicht als Garant und Ausdruck tiefer seelischer Verbundenheit, sondern wurde im Gegenteil als destabilisierender Faktor der familiären Ordnung angesehen: Zwischen Gattin und Ehemann sollte keine leidenschaftliche, sondern eine Art funktional…

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Doppelmoral und Heuchelei

Somit unterlag insbesondere die bürgerliche Frau einem strengen Sittenkodex, gegen den sie nicht ohne gesellschaftliche Sanktionen verstoßen konnte. Gleichzeitig erweist sich diese Moralvorstellung als in hohem Maße veräußerlicht und hohl: Im Zuge der Industrialisierung und Ökonomisierung der Gesellschaft ging es nicht mehr in erster Linie um die Einhaltung idealistischer Moralvorstellungen. Vielmehr verschärfte sich innerhalb des sich nach finanziellem und gesellschaftlichem Aufstieg sehnenden…

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