Else

Herkunft und Familie

Die Diskrepanz zwischen dem Sein und dem Schein und die hieraus sich ergebende innere Widersprüchlichkeit werden bereits durch Elses familiäre Situation offensichtlich: Bei Else T. handelt es sich um ein hübsches rötlichblondes 19-jähriges Mädchen (vgl. S. 11) aus einer angesehenen Wiener Familie. Ihr Vater ist ein bekannter Rechtsanwalt (vgl. S. 11) und ihr vier Jahre älterer Bruder Rudi soll bald in Rotterdam eine Stellung in einem angesehenen Bankhaus antreten (vgl. S. 20). Else stammt aus einer jüdischen Familie, aber sie meint nicht, dass sie wie eine Jüdin aussieht: „Mir sieht’s niemand an“ (S. 17).

Else ist ein „anständiges junges Mädchen aus guter Familie“ (S. 50) und verkörpert damit den spezifischen Frauentypus, der in Schnitzlers Werk immer wieder anzutreffen ist. Diese Fassade der bürgerlichen Wohlanständigkeit wird allerdings nur mühsam aufrechterhalten, zumal sich die Familie aufgrund der Spielschulden des Vaters seit Jahren in einer finanziellen Notlage befindet. Deshalb wurde die „arme Verwandte“ Else auch von ihrer „reichen Tante“ (S. 6) Emma eingeladen, die Ferien mit ihr und ihrem Sohn Paul in einem Hotel in den Dolomiten in Italien zu verbringen.

Else als Grenzgängerin

Nicht nur aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung, sondern auch im Hinblick auf ihre Lebensphase kann Else als eine Art Grenzgängerin charakterisiert werden: Wie schon aus dem Titel („Fräulein“) ersichtlich wird, steht die noch unverheiratete Else auf der Schwelle zwischen ihrem bisherigen kindlich-unbeschwerten Leben in der Familie und ihrer eigenverantwortlichen Existenz als Erwachsene.

Else befindet sich in der typischen Phase der Adoleszenz als Übergangsstadium zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter. Diese Phase geht meist mit erheblichen Verunsicherungen und Krisen einher: Einerseits werden die Normen der Eltern und der Gesellschaft hinterfragt, andererseits ist das eigene gültige Wertesystem noch nicht aufgebaut.

Identitätssuche

Elses Situation ist folglich durch die Suche nach ihrer eigenen Identität, ihrer eigenen Individualität bestimmt. Ihre Identitätsfindung wird dadurch erschwert, dass Else einerseits durch die verinnerlichten gesellschaftlichen Konventionen eingeengt wird, sich aber andererseits nach einer autonomen freien Lebensgestaltung sehnt.

Indem sie zwischen diesen beiden Polen hin- und hergerissen ist, spielt Else sehr unterschiedliche und bisweilen auch widersprüchliche Identitätsentwürfe durch, die ihr Schwanken zwischen der Rebellion gegen die traditionellen Weiblichkeitsvorstellungen und der Unterwerfung unter die tradierten Rollenmuster veranschaulichen und ihre ungefestigte Position betonen.

Die ganze Ambivalenz ihrer inneren und äußeren Verfassung spiegelt sich in Elses Selbstbeschreibung wider, die gerade im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Stellung von zahlreichen Gegensätzen gekennzeichnet ist: „ich die Hochgemute, die Aristokratin, die Marchesa[1], die Bettlerin, die Tochter des Defraudanten[2]“ (S. 18).

Zwischen Individualität und Anpassung

Eine wichtige Ursache für diese bis zuletzt nicht aufgelöste Widersprüchlichkeit liegt in Elses Wunsch nach Individualität und Selbstverwirklichung auf der einen Seite und ihrer Anpassung an die gesellschaftlichen Erwartungen auf der anderen Seite begründet. Demnach genießt Else durchaus den vornehmen Lebensstil einer Tochter aus gutem Hause: Sie liebt ihre „aristokratische Schrift“ (S. 45), die Opernbesuche und das Klavierspiel. Folglich versucht sie auch, der vornehmen bürgerlichen Gesellschaft zu entsprechen und sehnt sich nach äußerer Anerkennung.

Der Wunsch, ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft zu sein, führt dazu, dass Else dem äußeren Schein einen immens wichtigen Stellenwert einräumt. Dies betrifft zum einen ihre eigene jüdische Herkunft, die sie wohl insbesondere aufgrund des wachsenden Antisemitismus als Makel empfindet. Deshalb ist sie froh darüber, dass sie mit ihrem blonden bzw. rötlichblonden Haar nicht stereotyp jüdisch aussieht: „Mir siehtʼs niemand an“ (S. 17).

Zum anderen lässt die Garderobe der stets sehr modisch gekleideten jungen Frau keinerlei Rückschlüsse auf die finanzielle Notlage ihrer Familie zu. Lediglich in wenigen Momenten kann sich Else eingestehen, dass der vermeintliche Reichtum, der sich hinter dem gut gefüllten Schrank zu verbergen scheint, nur ein vorgetäuschter ist: „Ist das grüne Loden überhaupt schon bezahlt, Mama?“ (S. 18).

Wie wenig selbstbestimmt und ung...

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