Rezension

In seinem Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ kristallisiert Andersch das Thema der individuellen Freiheit als das existenziell wichtigste Grundbedürfnis des Menschen heraus.

Andersch situiert das Geschehen des Romans vor dem Hintergrund der NS-Zeit. Alle Protagonisten sind durch die aufkommende Herrschaft der Nationalsozialisten bedroht und müssen um ihr Leben fürchten. Trotzdem, so wird bei der Lektüre des Romans deutlich, geht es Andersch nicht nur um die faschistische Diktatur des NS-Regimes. Knudsen und Gregor sind Mitglieder einer kommunistischen Partei und fühlen sich auch von ihr, wenn auch nicht lebensgefährlich bedroht, aber doch ihrer Freiheit beraubt.

Die Vereinnahmung des einzelnen Menschen durch eine radikale politische Ideologie macht eine Bedrohung für den Menschen aus. Ein übergeordnetes Kollektiv steht dem Individuum bedrohlich gegenüber. Damit spricht Andersch in seinem Roman ein Thema an, das nicht an eine bestimmte Zeit oder an einen bestimmten Ort gebunden ist. Die Wichtigkeit dieses Themas liegt nicht nur in dem Bezug zu den Gräueltaten der NS-Herrschaft begründet, sondern auch in seiner immerwährenden Aktualität. Auch heute sind zahlreiche Menschen durch ein politisches System in ihrer Freiheit beschränkt und müssen um ihr Leben fürchten.

Andersch zeigt mit seinem Roman die einzige Möglichkeit auf, die für ihn aus dieser Situation hinausführt: Wenn schon die äußere Freiheit nicht mehr gegeben ist, so muss sich der  Mensch seine individuelle Freiheit erkämpfen, die darin besteht, selbstbestimmt zu handeln und frei für sich entscheiden zu können. So führen es die Protagonisten des Romans vor. Der Autor macht deutlich, dass diese innere Freiheit erst erkämpft werden muss und keinen einfachen Prozess für den Menschen darstellt.

Dass es allerdings auch solche Situationen gibt, in denen der einzelne Mensch keine Möglichkeit hat, sich seine eigene Freiheit zu erringen, verdeutlicht Andersch mit der Figur der Judith. Sie selbst ist die einzige Figur im Roman, die immer auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Sie ist als Jüdin am stärksten hinsichtlich ihres Lebens bedroht. Erst nach der erfolgreichen Rettung, die sie nur mithilfe der anderen Protagonisten bewerkstelligen kann, hat sie die Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben.

Im wirklichen Leben allerdings hatten und haben die meisten Menschen nicht das Glück, eine derartige Hilfe von ihren Mitmenschen zu bekommen. Dieser Aspekt wird in dem Roman zugunsten eines versöhnlichen Ausgangs, eines 'Happy Ends' umgangen. Andersch verdeutlicht, wie wichtig es ist, sozial zu handeln und sich für die Freiheit seiner Mitmenschen einzusetzen.

Die Thematik wird im Roman vor allem über die Figuren transportiert. Anderschs Erzählverfahren ist überaus interessant und außergewöhnlich. Dabei ist der Roman in seiner Gesamtkomposition sehr klar gestaltet und strukturiert, sodass der Leser auch das Erzählverfahren nachvollziehen kann.

Die Passagen des Jungen etwa, die nach jedem anderen Kapitel eingefügt sind, lesen sich als Spiegel und Reflexion zu den Kapiteln der übrigen Protagonisten und zu ihrem inneren Erleben.

Andersch  versteht es, die von ihm beabsichtigte 'Innenschau' der Figuren durch ein Ineinander des Handlungsaufbaus, der Erzählperspektiven und der sprachlichen Ausgestaltung kunstvoll sichtbar zu machen. So nimmt der Leser teil an dem Innenleben der Figuren und kann in diese eintauchen und sich mit ihnen identifizieren. Mit seinen Figuren spricht der Roman jede Altersgruppe an: Das Gefühlsleben des Jungen wird genauso gründlich behandelt wie etwa das komplexe Thema der Sinnsuche und Gottessuche, welches mit der Figur Helander angesprochen wird.

Mit seinen Protagonisten entwirft Andersch eher stereotype Charaktere und benutzt dafür auch  Klischees. So verkörpert Judith das typische jüdische Mädchen aus reichem Hause, Knudsen den typischen Fischer und Gregor der typischen, linkspolitisch ausgerichteten Intellektuellen. Trotzdem präsentieren  Anderschs Figuren dem Leser eindrucksvoll ihre innere Zerrissenheit, ihre Zweifel und am Ende ihre persönlichen Errungenschaften.