Charakterisierung Judith

Auf der Flucht

Die etwa achtzehnjährige Judith Levin ist sehr attraktiv, hat ein zartes Gesicht und schwarze Haare. Ihr besonderes Aussehen fällt auch dem Wirt der Gaststube in Rerik auf, der sie als „hübsche und ziemlich junge Ausnahme“ (S. 34) im Vergleich zu den anderen Mädchen ausmacht.

Aber auch Gregor, der sie am Hafen von Rerik erblickt, sticht sie ins Auge. Er erkennt sogleich, wie es um sie steht: „Eine Jüdin, dachte Gregor, das ist eine Jüdin. Was will die hier in Rerik? (…) Gregor kannte das Gesicht sofort; es war eines der jungen jüdischen Gesichter, wie er sie im Jugendverband in Berlin, in Moskau oft gesehen hatte. Dieses hier war ein besonders schönes Exemplar eines solchen Gesichts. Und außerdem war es auf undefinierbare Weise von den Gesichtern, an die es Gregor erinnerte, verschieden“ (S. 59).

Judith kommt nach Rerik, weil sie als Jüdin vor den Nazis fliehen muss. Vor ihrer Flucht hat sie allein mit ihrer Mutter in einer Villa an der Alster in Hamburg gelebt und da die Vorzüge genossen, die das Leben der wohlhabenden, gebildeten Oberschicht ermöglicht. Anhand Judiths Erinnerungen wird ein Einblick dieses Lebensstils gegeben: Sie ist mit der bildenden Kunst vertraut und kennt auch den Künstler, der die Skulptur „Lesender Klosterschüler“ geschaffen hat. In der Villa ihrer Mutter hängen teure Gemälde, wie das des Künstlers Edgar Degas. Judith spielt Tennis und besucht Pferderennen.

Bedrohung durch das NS-Regime

Ihre Mutter realisiert die zunehmende Bedrohung ihres Lebens durch das NS-Regime. Für sie steht fest, dass es nur die Möglichkeit gibt, aus Deutschland zu fliehen. Da sie selbst gelähmt ist, will sie, dass Judith allein nach Rerik reist, um von hier aus nach Schweden zu fliehen. Warum sich ihre Mutter ausgerechnet das kleine Rerik ausgesucht hat, erklärt sich Judith aufgrund der persönlichen Erinnerung eines „glücklichen Sommer in Rügen“ (S. 18), die ihre Mutter mit diesem Ort verband.

Judith will ihre Mutter unter keinen Umständen allein zurückgelassen. So sieht diese keinen anderen Ausweg, als den Suizid zu wählen und ihre Tochter damit für die Flucht freizugeben: „Mama war gestorben, damit sie, Judith, nach Rerik gehen könnte. Es war ein Testament, und sie hatte es zu vollstrecken“ (S. 19). Judith ist nun ganz allein und wendet sich an Herrn Heise, den Bankdirektor, der ihr das Familienerbe auszahlt und sich um die Bestattung der Mutter kümmert.

Als sie nach Rerik kommt, spürt Judith deutlich ihre bedrohliche Lage, unter der auch der Ort ganz anders wirkt, als in den schönen Erinnerungen ihrer Mutter beschrieben: „Sie hatte sich Rerik ganz anders vorgestellt. Klein und bewegt und freundlich. Aber es war klein und leer, leer und tot unter seinen riesigen roten Türmen. Erst als Judith aus dem Bahnhof trat und die Türme erblickte, hatte sie sich daran erinnert, daß Mama von diesen Türmen entzückt gewesen war. (…) Unter dem kalten Himmel aber kamen sie Judith wie böse Ungeheuer vor. (…) Judith Levin. Es war ein stolzer Name. Ein Name, der abgeholt werden würde. Es war furchtbar, Judith Levin zu sein in einer toten Stadt, die unter einem kalten Himmel von roten Ungeheuern bewohnt wurde“ (S. 20).

Hilflosigkeit und Anpassung

Die wohlbehüteten Verhältnisse, in denen Judith aufgewachsen ist, lassen sie angesichts ihrer neuen Lage hilflos erscheinen. Judith verfällt oft in alte, vertraute Verhaltensmuster, die aber unter diesen ganz anderen Lebensumständen nicht mehr funktionieren. Trotzdem ist sie bemüht, immer einen Ausweg aus kritischen Situat...

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